Siegertexte

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Barbara Zeman - Siegertext 2012

Garten. Ansicht mit Frau und zerrissenem Mann vor Paradeisstaude

 

Den ganzen Tag hat sie ein leichtes Wolkennetz beobachtet, das in Richtung Süden zog, dem eilends schwere Wolken folgten, die eine bittre Brise mit sich bringend, nun träge über den Baumkronen liegen. Dampf steigt aus den blauen, schwarzen Gewächsen, verschleiert die Luft, Vögel bewegen ihre Flügel, geben schnarrende Laute von sich. Grellweiße Plastikstühle stehen auf einem den botanischen Garten überblickenden Balkon. Die Frau rupft ein Erfrischungstuch aus einer Packung, reibt damit über das Gesicht, knüllt es zusammen, hebt den sehnigen Arm, und wirft. Die Kugel, eher hoch als weit fliegend, prallt an der Innenseite des Balkongeländers ab, springt zu der alten Frau zurück, fällt gegen einen Apparat, der ein leuchtendes Gift gegen Mücken enthält und bleibt am Fuß einer Tomatenstaude liegen, von deren Ästen Trauben roter Früchte hängen, die in der Dunkelheit ganz schwarz erscheinen. Die Frau steht auf, ihre Knie zittern dabei ein wenig. Sie trägt ein schwarzes Kleid, das von einem weißen Spitzenkragen abgeschlossen ist; ihr Hals ist dünn, ihr Kopf klein und vogelhaft, ihre Haare sind zu einem Knoten zusammengefasst, so streng, es scheint, die Haare zögen ihre Augen an den Seiten nach oben. Das Bemerkenswerteste an ihrem Gesicht aber sind nicht die Augen, streng blickend, sondern die Augenbrauen; zwei buschige Bögen, die sich über dem Nasenansatz zaghaft berühren und ihr Gesicht verdunkeln. Sie bekommt das Papier mit den Fingerspitzen zu fassen, richtet sich wieder auf und wirft es über das Geländer. Sie sieht in den Garten hinunter, wo die Pflanzen fest unter der Nachtluft verschlossen liegen, alles ist schwarz, mit einem Hauch von grün. Sie strengt die Augen an, sieht plumpe Palmen auf der Erde hocken, eine von ihnen, von einem Blitz in krumme Teile gesprengt, hellgelb wie frisches Brot, dann eine Wiese, oder eher eine Lichtung, von Lilien bestanden. Der größte Baum steht links davon, gleich einem großen dunklen Vogel ist er gelandet und hält, die Schwingen noch nicht geschlossen, nach etwas Ausschau, und unter seinen tiefen Ästen liegt winzig das Erfrischungstuch, weiß wie die Lilien, weiß wie die Gartenstühle auf ihrem Balkon. Der Wind bewegt die Lilien, faustgroß schwebende Gespenster, über die ein Schatten fällt und sie verdeckt, die Sicht wieder freigibt auf sie und auf die Mitte der Lichtung zustrebt. Ein Hund. Böiger Wind kommt auf, trägt leise Stimmen zu ihr hoch, am Zaun des Gartens rascheln weiße Plastiksäcke, fest umfangen von Stacheldraht. Ein Vogel lässt sich auf der äußersten Spitze des Vogelbaumes nieder. Er ist still, sitzt einfach da. Er fliegt nicht, er fällt nicht, er wartet. Sie lehnt sich vor. Weit unten, drei Stockwerke unter ihr, sind Geräusche aus dem Dickicht zu hören, dort, wo der Stacheldraht einen schmalen Spalt zwischen der Hausmauer und dem Garten lässt. Der Vogel auf der Baumspitze fliegt in einen tiefer gelegenen Teil des Gartens, gefolgt von anderen, die aufgestöbert wirre Laute von sich geben, es ist, als würde aus jeder Vogelkehle ein einziger, gerader Laut kommen, der auf die Geräusche anderer Vögel trifft, sich mit diesen verwirrt und wie ein Geräuschball von einem Blatt zum anderen, von einem Baum, von einem Dickicht zum anderen prallt. Blätter fallen, Tropfen spritzen, jemand rüttelt am Stacheldrahtzaun, eine Lampe geht am Stacheldraht an, dann eine weitere auf einer Palme, eine über dem Brunnen, dutzende in den Büschen, tauchen einzelne Bäume in grelles Energiesparlampenlicht, die Pflanzen treten künstlich hervor, blähen sich auf, das Licht zeigt jedes Blatt, umkreist von Mücken und Motten. Ein Mann trennt mit einer Drahtschere den Zaun auf, an einer Stelle, an der sich eine von Zangen und Scheren gerissene Öffnung an die andere reiht, wie ein klimpernder Küchenvorhang aus scharfem Draht. Der Mann schiebt sich durch das frische Loch in den Garten hinein. Gut fünfzig Meter von ihrem Haus entfernt sieht sie eine andere Gestalt über den Zaun klettern, eine Weitere schon unter einer Palme stehen, sie sieht drei, oder vier, fünf Männer durch den Garten streifen, im Dunkel verschwinden, hört Vögel kreischen, verliert die Männer aus den Augen, sieht sie in den Händen lange Stöcke halten und um ihre Beine Hunde streifen. Sie gehen einzeln, kommen aus fünf verschiedenen Richtungen auf die Mitte des Gartens zu und treten neben dem Vogelbaum auf die Wiese. Der Wind fährt über ihnen durch die Bäume, es klingt wie Rauschen vom Meer, der Wind berührt jedes Blatt für sich, springt weiter, es rasselt von den Bäumen. Sie sind sehr jung, und sehen ähnlich aus. Lange Haare, gelockte und nicht gelockte, sie sind gleich groß, sind gleich gekleidet. Zerrissene Jeans und weiße T-Shirts, weiße Turnschuhe. Lilien wippen in der Windbewegung um ihre ausgebeulten Hosen, Wind zaust Palmenköpfe, wiegt selbst das grelle Licht. Um den Hals eines Mannes baumelt eine Drahtschere. Die Hunde sitzen voll aufmerksamer Reglosigkeit in der Wiese. Der Mann mit der Drahtschere sagt in die Stille hinein, Spielen wir. Einer der Männer nickt. Jeder der fünf zieht seinen rechten Schuh aus; jeder der Männer wirft den Schuh in einen Papierkorb aus Metall, der in der Mitte der Wiese aus dem Boden ragt. Sie treten mit einem bedeckten und einem bloßen Fuß ein paar Schritte zurück, bis auf den Mann mit der Drahtschere, der am Papierkorb stehenbleibt und einen Schuh aus ihm hervorzieht. Er hält ihn empor, lächelt, kniet nieder und zieht ihn an. Er zieht einen weiteren Schuh, den er an einen der Männer zurückgibt, wieder ein Lächeln. Er verfährt so fort, bis nur noch der rechte Fuß eines einzigen, sehr blass gewordenen Mannes bloß und weiß im Zwielicht sichtbar ist. Er holt den Schuh selbst aus dem Korb und zieht ihn an. Der Mann mit der Drahtschere steht vor ihm und sagt, Du bist der Läufer, wir sind die Sucher, bückt sich und durchtrennt mit der Drahtschere die Schuhbänder des Stehenden. Der Läufer steht auf der Lichtung, während die anderen träge ihre Augen schließen und zu zählen beginnen, sehr langsam bis fünf, bis zehn, mit geschlossenen Augen, der Läufer steht unter ihnen auf der Lichtung, steht reglos bei fünfzehn, bei sechzehn, bei siebzehn, achtzehn, bei zwanzig durchschreitet er die Zählenden, und geht auf das schwach lichtglimmende Palmendickicht zu, in dessen Stammgewirr er schließlich aufgeht. Der Mann mit der Drahtschere öffnet die Augen, und zählt weiter, gemeinsam mit den anderen bis dreißig, bei dreißig betritt der Läufer die Lichtung aufs Neue, er hat sie im Schutz schwarzer Bäume umrundet, die Zählenden zählen mit leisen Stimmen dreißig, fünfunddreißig, vierzig, während der Läufer über die Lichtung schleicht, und diese, unter den Ästen des Vogelbaums hindurchschlüpfend, wieder verlässt. Der Mann mit der Drahtschere schließt die Augen, ein schwaches Lächeln um die Lippen. Sie zählen fünfundvierzig, sie zählen fünfzig, sie zählen sechzig. Sie öffnen die Augen, lauschen. Der Wind ist erstarkt, die Bäume bewegen sich, schnipsen ihre Blätter konfettigleich ins Lampenlicht. Der Mann mit der Drahtschere hebt seinen Stock, deutet zum Vogelbaum. Die Frau am Balkon sieht zwischen den Bäumen weiße Schuhe, weiße Oberteile aufblitzen. Sie hört die Männer die Büsche durchforsten, mit den Pflöcken ins Nichts stoßen, die Äste schnalzen, sie hört leises Fluchen, Stoff, der von einer Dornenranke zerrissen wird. Sie hört langsame, stete Laute, dann rasche Bewegungen, schnelle Schritte, dann wieder Ruhe, bis auf den Wind. Sie schwitzt und schaltet das Mückenvertilgungsgerät auf eine höhere Stufe, sodass die Luft ganz grün erstrahlt. Sie wischt sich über die Stirn. Ein Ruf durchbricht die Stille, schnalzende Äste, fliegende Blätter, Federn, Vogelgeschrei, dann zu hören, jemand rennt über quatschendes Gras. Zweige knacken, Halme brechen, Pflanzen schnalzen, man hört deutlich seinen Atem, Erdbrocken fliegen träge unter seinen Tritten, Falter, Zikaden spritzen fort wie Splitter, Blumen zerfallen, Mücken flirren, Motten wanken ins Licht. Der Läufer durchmisst die Lichtung, dreht sich im Lauf nach den Suchern um, sie sind noch in einiger Entfernung hinter ihm, irgendwo zwischen den Stauden, er springt, er läuft, rutscht weg, stürzt zwischen den weißen Blüten. Er bleibt liegen, das Gesicht nach unten. Die Männer brechen aus den Bäumen, rennen über die Lichtung, die Stöcke erhoben, die Gesichter wild verzogen, die ersten eins, zwei, drei rasen am Gestürzten vorbei und wieder in den Wald hinein, der vierte Mann fällt, schlägt auf und rührt sich nicht, liegt da. Die folgende Stille ist kurz, jäh von einem kehligen Schrei durchbrochen, und einem dumpfen Schlag. Der Sucher hat sich hochgerappelt, schreit die anderen herbei, in der Wiese über dem Läufer stehend, hebt seinen Stock und lässt ihn niederfahren, die anderen stolpern und rennen lachend zurück, kaum dass sie stehengeblieben sind prügeln sie kichernd auf beide Männer ein, sie schlagen auf beide ein, bis sie entdecken welcher der Läufer ist, sie helfen dem Sucher auf die Beine und schlagen weiter auf den Läufer ein, der weiße Locken hat, der weiße Schuhe trägt, der ein weißes T-Shirt trägt, das kaum noch weiß ist. Sie schlagen auf ihn ein, um den Kopf des Läufers fliegen wehen wirbeln weiße Blütenblätter. Die Arme, die Stöcke der Verfolger ziehen sich lang in der Bewegung, man sieht ihre Arme, noch einen Abglanz heller Haut, die Stöcke noch in der Nachtluft stehen, wenn sie sich längst wieder auf den Läufer gesenkt haben.

 

Die Frau umschließt mit den Händen das Geländer, die Lilien erscheinen ihr wie kleine weiße Lichter die am Boden festgebunden, nicht aufsteigen können. Sie öffnet den Mund und holt Luft, sie schließt ihn und öffnet ihn wieder, sie sammelt zittrige Kräfte und schließt die Augen und öffnet den Mund, murmelt etwas, dann duckt sie sich. Sie hört den Läufer gurgeln, sie hört die Schläge, mache dumpf, manche hell, sie kniet zwischen den Plastikstühlen nieder, als wollte sie sich verstecken, schützen vor den Männern mit den Turnschuhen, sie kniet nieder und faltet die Hände, ihr schmaler Nacken scheint unter der Last ihres gesenkten Hauptes zu leiden, sie öffnet die Lippen und raunt, Gegrüßet seist du Maria voller Gnade der Herr ist mit dir du bist gebenedeit unter den Frauen und gebenedeit sei die Frucht deines Leibes Jesus. Sie spricht schnell und leise, schmale Wortbahnen ohne den Mund wesentlich zu öffnen, während die Schreie des auf der Wiese liegenden Läufers dringender und gleichzeitig schwächer werden, sie wiederholt, mit Worten die Abstände voneinander nicht kennen, Gegrüßet seist du Maria, voller Gnade der Herr ist mit dir du bist gebenedeit unter den Frauen und gebenedeit sei die Frucht deines Leibes, gegrüßet seist du Maria, gegrüßet seist du Maria, voller Gande der Herr sei mit dir, und sie erhebt sich. Ihr Schatten ist schwarz auf der schwarzen Hausmauer, der Spitzenkragen leuchtet, weiß wie der Mond, weiß wie die Gartenstühle, die Plastiksäcke, die Lilien, weiß wie weiße Turnschuhe, weiß wie weiße T-shirts, weiß wie helle Locken. Dann ein Riss in der Nacht weit unter dem Mond, die Gestalten sind weit von ihr entfernt, man hört nichts, keinen weiteren oder besonderen, andersartigen Ton, kein neues, kein altes Geräusch, man nimmt nur wahr dass etwas fehlt das gerade noch da war und jetzt nichtmehr da ist. Die Frau steht am Geländer, sieht die Gestalten auf der Wiese stehen und etwas über den botanischen Garten hinwegfliegen, es ist ein Vogel, der pfeilschnell nach oben schießt, ihm folgen weitere, taumelnd, kreisend, und sie geht wieder zu Boden.

 

Sie kauert auf den Fliesen und sieht durch die Stäbe des Geländers, zwischen Blättern hindurch in den Garten hinein, dessen geknickte Gewächse viel zu fest ineinandergestaucht stehen, als hätte man ein enges Band aus schneidendem Draht um sie gelegt und zu einem Strauß geschnürt, der in seichtem Wasser steht und schimmelt. Die Männer stehen auf der Wiese, die Hunde sitzen neben ihnen. Die Frau atmet schnell und rasselnd, kleine Nägel sind in ihren Atem eingebunden. Sie legt sich, noch immer am Boden, ein Erfrischungstuch auf das Gesicht, eine leuchtend weiße Maske. Nach einer Weile lässt sie es auf die Fliesen fallen und sieht genau unter ihr, an der Stelle, an der der Draht hundertfach von Scheren zerschnitten ist, den Läufer, der wie ein zerrissener Marder aus diesem Garten verschwindet.

 

Sie betritt die Wohnung. Geht langsam, so langsam, als würden ihre Beine mit dem knarrenden Boden verwachsen sobald sie diesen berühren, als müsste sie die Füße bei jedem Schritt vorsichtig wieder vom Boden abziehen, sie streckt den Arm nach der Wand, nach dem Türstock, steigt über die Schwelle. In der Wohnung, die sie so langsam durchmisst, leuchtet stumpfes, beschlagenes Kerzenlicht. Sie bleibt vor einem Bild stehen, das von Kerzenlicht wie von Honig übergossen ist, und löscht den glänzend wirren Dämmer, indem sie einen Lichtschalter betätigt, der grelles Licht aus einer nackten Lampe bis in den letzten Winkels des Zimmers stechen lässt. Sie setzt sich an den Tisch. Sie holt Brot, Wurst, Käse und Butter, Zwiebeln und einen Teller aus der Lade. Feine Kratzer sind auf ihm sichtbar, auch ihr Gesicht ist bis in die kleinste Unebenheit hinein beleuchtet, schwarze Härchen werden unter den Brauen und am Nasenansatz sichtbar, Äderchen ziehen sich geschwungen durch ihre Augen. Rechts von der Frau steht eine Brotschneidemaschine. Sie greift in die Schublade des Tischs, es raschelt nach Messern, sie zieht ein ungewöhnlich langschneidiges Küchenmesser hervor und legt es neben die Brotschneidemaschine, schneidet mit ihr eine hauchdünne Scheibe vom Laib, streicht Butter auf sie, gerade so viel, dass die Scheibe glänzt, belegt sie mit Wurst und Käse, mit Zwiebelringen, so dünn mit dem Messer geschnitten, beinahe unsichtbar, runde weiße Schatten auf der Wurst.

 

Sie sitzt auf einem Stuhl neben ihrem Bett. Ihre Zehen sind krumm, liegen schräg übereinander als wollten sie sich gegenseitig schützen. Ein Luftzug geht. Sie öffnet ihre Haare, sie fallen ihr in den Nacken, reichen bis über ihre knochigen, unter dem schwarzen Kleid verborgenen Schultern. Ihre Haare sind dünn, dort wo sie geflochten waren zackig gewellt. Sie nimmt einen Kamm, fasst die Haare mit der anderen Hand im Nacken zusammen und kämmt sich. Nach dem Kämmen flicht sie die Haare wieder zu einem Zopf, den sie am Hinterkopf feststeckt. Sie löst den weißen Spitzenkragen von ihrem Kleid, streicht ein Haar von ihrer Schulter und geht im schwarzen Kleid zu Bett. Sie zieht die Decke über sich und schließt die Augen. Es dauert nicht lange und sie atmet ruhig, ihre Hand bewegt sich leicht über die Bettdecke, die mit roten und weißen Kästchen bedruckt ist, auf ein Kästchen weiß folgt ein Kästchen rot, auf das wieder ein Kästchen weiß und dann ein Rotes folgt, sie atmet laut, ein Kästchen weiß, ein Kästchen rot, sie streicht mit der Hand über die Bettdecke, berührt ein Kästchen weiß, ein Kästchen rot, und dann eine Männerhand, die auf fünf Kästchen rot, fünf Kästchen weiß Platz findet, eine Männerhand, die sich an einen Männerarm schließt, eine Männerschulter, ein weißes Oberteil, einen Hals, einen Kopf mit hellen Locken, verziert mit Blättern, Ästchen, spitzen Ranken. Sie umfasst die Männerhand im Schlaf und lächelt, der Mann sieht sie an, die Wangen zerschrammt, das Gesicht geschwollen, blutverschmiert und sagt, Hallo, und erst jetzt erwacht sie, ist mit ihr fremder Schnelligkeit aus dem Bett gesprungen, wo sie mit gefletschten Zähnen steht, und in wiedergefundener Langsamkeit den Sessel zwischen sich und das Bett schiebt. Sie steht da und sieht auf ihre nackten Arme, auf ihre waffenlosen Hände, steht vor dem Sessel vor dem Bett in dem der Mann liegt, die Augen geschlossen. Ihr Blick ballt sich wieder, sie öffnet die Lippen kaum, als sie zischt, Raus da, sie machen alles schmutzig. Der Mann öffnet die Augen, setzt sich stöhnend auf, reibt sich die wunden Hände, hebt mühsam ein Bein auf den Boden. Sie geht auf die andere Seite des Bettes, wo sie die krummen Zehen in Schuhen verbirgt und mit dem sorgsam in einer Zeitung aufbewahrten Spitzenkragen ihren Hals bedeckt. Der Mann, nach Schweiß, nach Erde stinkend, sitzt indeß auf dem Sessel, an den sie, die zerknitterte Zeitung in Händen, tritt. Sie legt ein Blatt zwischen den Rücken des Mannes und die Sessellehne, reicht ihm eine zittrige Hand und bedeutet ihm mit der anderen aufzustehen, schiebt ein Blatt auf die Sitzfläche, auf die er gleich wieder sinkt. Gras hängt in seinem verschmierten Gesicht, Erdbröckchen, helles Blut, dunkles Blut, das um ein einzelnes Lilienblatt gestockt ist, in einer Wunde über dem Auge. Sie nimmt einen Strumpf, fährt mit der Hand in ihn hinein, prüft ihn auf Löcher, greift nach einer Flasche, öffnet sie und tränkt den Strumpf mit einer hellen Flüssigkeit. Sie zögert, dann wischt sie ihm über das Gesicht, der Mann verschluckt sich an einem Schrei.

 

Die alte Frau sitzt gefasst am Tisch. Der Mann setzt ein Glas Wasser umständlich an seine zersprungenen Lippen, trinkt, erst mit schnellen, dann trägen Schlucken, stellt das Glas auf den Tisch zurück, sieht die Frau an und gießt das im Glas verbleibende Wasser mit einer raschen Bewegung in den Krug zurück, so dass es spritzt. Die Frau öffnet ein Kompottglas, voll mit schwarzem Saft und roten Kirschen, sie holt fünf Kirschen aus dem Glas, und schiebt den Teller zu ihm hin, er nimmt eine mit spitzen Fingern, und steckt sie ungelenk in den Mund, er sieht die Frau an, ein Tropfen roter Saft rinnt von seinem Kinn, und tropft auf den Tisch, er wischt sich das Kinn mit dem Arm ab. Die Kirsche fällt ihm aus dem Mund, landet glitschig neben dem kreisrund zerflossenen Tropfen. Er öffnet den Mund, in ihm ist es ganz dunkel wegen fehlender Zähne. Er verzieht das Gesicht, schluckt, und sagt, Meine Zähne warn vorher mehr. Sie sagt, Sie müssen essen, und deutet mit dem Brotlaib in der Hand auf die Brotschneidemaschine und fragt, Wie breit? Er antwortet, Fingerbreit. Sie sieht auf ihre Hand und dann auf seine Hand, und schneidet eine Scheibe ab, die dicker als ihr Daumen aber nicht ganz so dick wie sein Daumen ist. Zu hören ist das Geräusch ihres Messers, das durch die Wurst fährt, sie schneidet Käse, Zwiebel in hauchdünne Scheiben, legt sie auf die butterglänzende Brotscheibe und schiebt sie ihm hin. Er nimmt das Brot in die Hand, hält es, als wollte er es wiegen und betastet mit der anderen Hand seine Lippen. Sie sagt, Essen Sie, es schmeckt gut. Er hält das Brot in der Hand und dreht es, und in der Drehbewegung wird sichtbar, etwas ist über seine Pulsadern gezeichnet. Sie fragt ihn, Was ist das? Er hält still und schaut auf seinen Arm. Mit deutlichen Strichen ist ein Haus auf seine Haut tätowiert, eine Türe, zwei Fenster, ein rauchender Schornstein auf dem spitzen Dach. Er sagt, Das ist ein Haus. Und sie sagt, Das ist entsetzlich. Er legt das Brot auf den Tisch, und schiebt es zur Frau. Sie sagt, mit Nachdruck, Essen Sie. Er greift nach der Brotscheibe, nimmt die Räder Wurst, die Scheiben Käse vom Brot, und drückt die Wursträder an die Wurststange, die Käsescheiben an den Käselaib, mit so genauen Augenmaß, dass nicht sichtbar ist dass der Käse, die Wurst im geheimen schon zerschnitten sind. Er schabt die Butter vom Brot und schmiert sie auf den Butterquader, streicht ihre Oberfläche glatt, und zuallerletzt nimmt er die unbelegte Scheibe Brot, schiebt sie der Frau hin und sagt, Vielen Dank, aber das kann ich momentan nicht gebrauchen. Sie wirft einen blitzenden Blick auf den Mann, der sofort wegsieht. Die Lampe an der Decke bewegt sich. Sie sagt, Hörn Sie wie der Wind geht? Es wird regnen. Nach langer Stille antwortet er, Ich muss jetzt gehen. Und sie entgegnet, Gibt es denn noch etwas zu tun in dieser Nacht, der Wind geht draußen, draußen ist Sturm.


Sie öffnet die Türe. Sie gibt ihm die Hand, lässt seine Hand nicht los. Schließlich löst sie ihre Hand aus seiner Hand, bedeutet ihm zu warten, entfernt sich mit ihren schmerzvollen Schritten tiefer in die Wohnung hinein, sie steht dann wieder vor ihm, und als er sie unschlüssig ansieht, da schnellt ihre Hand hinter dem Rücken hervor, das Küchenmesser hoch erhebend, und sie sagt, Nehmen Sie das, das können Sie sicher gebrauchen. Sie lässt die Klinge des Messers blitzen, hebt es dicht an sein Gesicht, sagt, Na, wissen Sie was das ist? Er sagt, Das ist ein Messer, und sie sagt, Das ist Nirosta.

 

Auf dem Balkon leuchtet das Mückengift sein grünes Licht. Alles bewegt sich, der Garten brodelt, Regen rauscht. Der Himmel ist schmierig vor Schlamm, Bäume schwimmen in der braunen Luft, als hätten sie sich aufgelöst, Blätter fallen in betrunkenen Bahnen, Äste schaukeln fürchterlich und die Männer stehen mit ihren Hunden auf der Wiese, als gäbe es den Regen nicht. Sie warten. Der Läufer überklettert den Zaun mit dem Küchenmesser in der Hand, er betritt den Garten, das Messer blitzt ein bisschen auf im Licht einer Lampe. Er geht durch den Blätterregen auf die Männer zu, das Licht immer weiterer Lampen fällt mit seinem Gang durch den Garten auf ihn, auf die Palmen, über die Dickichte, die Wiese, die Lilien, die Männer stehen mit den Hunden im Licht, es leuchtet schwach auf die Frau am Balkon, die Tomaten glänzen rot, es scheint auf den mächtigsten Baum, auf dessen Spitze wieder der Vogel sitzt. Er bewegt sich nicht, sitzt einfach da. Er fliegt nicht, er fällt nicht, er wartet.