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Siegertexte

Keine (Auszug)

 

die Sprache ist nicht verrückt geworden

Wer

sondern die Menschen die sie benutzen

wird

Hannah Arendt stellt das Prinzip der Natalität über den Tod

bestraft.

mit Arendt über eine Abtreibung sprechen das ginge das wäre vielleicht die einzige

interessante

Möglichkeit

Worauf es ankommt, ist der Denkprozeß selber.

es gibt keine Frau die noch keinen Test gemacht hat

voller Angst

was also soll die Scheiße

im Grunde wollen wir alle keine Kinder kriegen

keine will die Schmerzen

wir gewöhnen uns an den Gedanken das ist alles

wir gewöhnen uns daran dass uns diese Rolle zufällt

Handlungen,

wie soll das gehen

das Private ist politisch

oder

wenn der Paragraph 218 plötzlich Einzug ins Leben hält

deren Wirkung vor Abschluss der Einnistung des befruchteten Eies in der Gebärmutter eintritt, gelten nicht als Schwangerschaftsabbruch im Sinne dieses Gesetzes.

irgendwann Kinder ja aber vorher ist noch so viel zu

tun

erleben erledigen erschließen entdecken

insbesondere bei matrilinear lebenden Völkern, gilt die Entscheidung über einen Schwangerschaftsabbruch als alleinige Angelegenheit der Frau oder ihrer Sippe und die Kindesväter haben kein Mitspracherecht.

irgendwann ein Kind dem man dann irgendwann sagt dass es da noch ein Kind hätte geben können

keine

wie viele Abgänge gibt es von denen keine spricht

die Unsichtbaren

Begeht die Schwangere die Tat,

wie die sich gebärden

als Hüterinnen des vermeintlich zu schützenden Lebens

so ist die Strafe Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe.

wie die sich trauen sich einzumischen

weil sie das Recht auf ihrer Seite spüren weil es immer noch ein Tabu ist und rechtswidrig

weil man zwar Kondome Spiralen Pillen Ringe und alles in allen Farben und Arten bekommen kann aber wenn‘s dann soweit ist und man sich nicht noch schnell die Pille danach besorgt hat dann ist man dran  

was Arendt dazu gesagt hätte

Ich stehe nirgendwo.

sie hat sich von der Frauenbewegung fern gehalten

fand dass es Berufe gibt die Frauen einfach nicht stehen wenn sie weiterhin weibliche Qualitäten haben wollen

gleichzeitig hat sie sich nicht beirren lassen

Ich schwimme wirklich nicht im Strom des gegenwärtigen oder irgendeines anderen politischen Denkens.

sie hat sich 1937 scheiden lassen als das noch unziemlich war

unterhielt Freundschaften zu Männern

liebte ihren zweiten Mann und diskutierte was das Zeug hält mit ihm

sie war so trocken dass sie auch als Bundeskanzlerin oder als Päpstin hätte durchgehen können

Ich glaube nicht an die Macht des Negativen, der Negation, wenn es sich dabei um das schreckliche Unglück anderer Menschen handelt.  

Politik fängt da an, wo die Sorge ums eigene Leben aufhört oder mit Brecht erst kommt das Brot

Die Schwangere wird nicht wegen Versuchs bestraft.

dann die Moral

allgemeines für das Recht auf Abtreibung Protestieren und Eintreten

ist also politisch

Protestieren und Heulen weil man selbst abtreiben will ist Sorge ums eigene Leben und demnach nicht politisch

Der Versuch ist strafbar.

aber wenn viele Frauen sich

sogar schon 1929 nicht erst in den 70ern

dazu bekennen abgetrieben zu haben

ist das wiederum politisch

oder

In der Deutschen Demokratischen Republik bestand seit 1972 nach dem Gesetz über die Unterbrechung der Schwangerschaft die Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruchs bis zur 12. Woche.

geh doch rüber hätte man also auch einer Frau in der BRD raten können die abtreiben wollte

Das unverwechselbare Wer-einer-ist, das sich so handgreiflich im Sprechen und Handeln manifestiert, entzieht sich jedem Versuch, es eindeutig in Worte zu fassen.

Arendts realpolitisches Potential

schon das O in Potential weckt aber andere Gedanken

zum Beispiel Mutter werden nur um später

Oma zu sein

ergo um Nachfolger

innen

zu haben

archaische Altersvorsorge könnte man das nennen

nicht alleine sein um keinen Preis

Kinder nämlich meint man

verlassen einen nie

das ist bei den einen das Argument dafür

bei den anderen der Grund dagegen

die legt man ja nicht ab

wie andere Leute ihren Hut

oder ihre Freunde

Es ist ja nicht die deutsche Sprache gewesen, die verrückt geworden ist.

sie hat die deutsche Muttersprache nie aufgegeben

Und zweitens: Es gibt keinen Ersatz für die Muttersprache.

(…)

Tiere essen Föten töten

das klingt reißerisch

und dennoch

die Definition was lebenswert ist wurde Jahrhunderte lang von Männern gemacht und noch immer riecht es überall danach

Es sieht nicht gut aus, wenn eine Frau Befehle erteilt.

die ersten Jahre mit dreißig über dreißig verbrachte sie in Paris und dann ging sie nach Amerika

als sie hätte schwanger werden können war sie also gerade dabei

von der alten Welt zu fliehen

sich scheiden zu lassen

wieder zu heiraten

eine neue Sprache zu lernen

den Hauptteil des Geldes ranzuschaffen

war dabei Fuß zu fassen in der Welt der Politik

Angesichts des Umstands, dass aus einem ohne die Frau nicht überlebensfähigen Zellhaufen eine Person konstruiert wird, und zum anderen durch Konstrukte von Mutterinstinkten, denen Frauen biologisch und emotional ausgeliefert seien, ist sicherlich die Frage angebracht, inwieweit der moralische Druck, der auf Frauen hinsichtlich ihrer reproduktiven Fähigkeiten lastet, solche Traumata erst auslöst.

ganze Güterzüge voller Tomaten verlangte Meinhof sollten noch geworfen werden

für Arendt wäre das sicher albern

das bisschen Haushalt da ist doch nichts dabei

sie war diesbezüglich immer noch so naiv wie als Mädchen 

als sie dachte dass alle so intelligent wie sie seien

Ich war der Meinung, so sind alle.

und als erwachsene Frau dachte sie noch immer dass man nicht zu solchen radikalen anfeindenden Gesten greifen müsse

Sie war mir wohl bewusst manches Mal als eine Art von Fremdheit unter den Menschen.

und wenn sie abgetrieben hat und es ihr schlicht zu profan war um es irgendwo festzuhalten

in den Staaten ist Abtreibung seit 1973 legal

(…)

Sterblich sein – das heißt in einem Universum, in dem alles im Kreise schwingt und Anfang und Ende immerfort dasselbe sind, einen Anfang haben und ein Ende und daher in die ganz und gar „unnatürliche“ Form einer geradlinigen Bewegung gebannt sein.

1975 starb Hannah Arendt

im selben Jahr wie der spanische Diktator Francisco Franco

sie hat spanische Flüchtlinge in den USA betreut

sie war zur Stelle und hat sich dennoch immer davor verwahrt eingenommen zu werden

außer

Wenn man als Jude angegriffen ist, muss man sich als Jude verteidigen.

aber dadurch

argumentiert sie manchmal im luftleeren Raum

was soll jemand machen

der schwarz ist und studieren will und blöderweise in den 50ern lebt

was soll jemand machen der schwanger ist und kein Kind will und blöderweise in der BRD vor den 90ern lebt

Es ist das – wenn ich ironisch reden darf – eine männliche Frage.

die einen werden schließlich von der Army eskortiert

die anderen gehen nach Holland

eines der liberalsten Länder der Welt

mit den niedrigsten Abbruchquoten der Welt

und wir sehen

Abschreckung hat noch nie vom Töten abgehalten

aber

Möglichkeiten haben auch noch nie zum massenhaften Ansturm geführt

Männer wollen immer furchtbar gern wirken: aber ich sehe das gewissermaßen von außen.

wie viele männliche Zeitgenossen machen sich vom Acker

ohne dass das jemals auch nur ansatzweise so geächtet würde wie eine Frau die sich für sich gegen ein Kind entscheidet

In der Bundesrepublik Deutschland wurde bis in die 1990er Jahre heftig darum gekämpft.

sie Hannah zu nennen verbittet sich

Und wenn andere Menschen verstehen – im selben Sinne, wie ich verstanden habe –, dann gibt mir das eine Befriedigung wie ein Heimatgefühl. 

das wäre eine Anbiederung

wer würde von Pablo sprechen von Rainer Maria von Jackson von Gottfried von Martin

oder von Bob

sie sind Picasso Rilke und so weiter keine Frage und die Frauen

dürfen in die Mädchenecke

Handeln, im Unterschied zum Herstellen, ist in Isolierung niemals möglich; jede Isoliertheit, ob gewollt oder ungewollt, beraubt der Fähigkeit zu handeln.

(…)

es braucht

Im Gegensatz zu anderen Gegnern des §218,

einen Mann dazu

stellt die autonome Frauenbewegung stets das freie Verfügungsrecht der einzelnen Frau  über ihre Reproduktionsfähigkeit in den Mittelpunkt.

den Schmerz und die Angst und das Ausgeliefertsein auszuhalten

das wäre in keiner Sekunde eine Freude ohne jemanden anderen

selbst wenn man denjenigen dazu benutzt Suppen vorzukochen für die Zeit im Krankenbett will sagen Wochenbett

Mir jedenfalls ist es mit Monsieur als portabler Heimat (was gar kein Ersatz ist) sehr wohl.

selbst wenn der dann heimlich im Hof seine Kippen raucht

und man so tut als würde man nichts merken

selbst wenn man die Annäherungsversuche brüsk von sich weist mit dem Verweis auf die Kugel die man vor sich her trägt

selbst wenn man

aber

wir sind hier nicht im Mutterkuchen

wir sind in freier philosophischer Wildbahn

will man den Jemand, der einzigartig in jedem neuen Mensch zur Welt kommt, bestimmen, so kann man nur sagen, daß es in bezug auf ihn vor seiner Geburt „Niemand“ gab.

wenn sie den Anfang so in den Vordergrund stellt widerspricht das nicht der Annahme sie hätte für Abtreibung einstehen können 

ist sie womöglich doch

und hält am Leben um jeden Preis fest

Dennoch brauchen wir nur daran zu denken, wie die zehn Gebote das Verbot des Tötens unter anderen Vergehen aufzählen, die es an Schwere des Verbrechens für unsere Art zu urteilen, unmöglich mit dem Mord aufnehmen können, um zu sehen, daß nicht mal das hebräische Gesetz, das doch unseren Rechtsbegriffen so viel näher steht als die Rechtssysteme des heidnischen Altertums, den Schutz des Lebens zum Eckstein der jüdischen Gesetzgebung machte.

die Religion zumindest würde sie selbst nicht hindern

über die setzt sie sich hinweg

schon mit der Heirat eines Deutschen

Nichtjuden

Atheisten

Kommunisten

das dürfte ihr den Eingang in den jüdischen Himmel sowieso versaut haben

dies wahrscheinlich zur „Strafe“ für meine Torheiten gleich nach 1933, als ich infolge der Gleichschaltungen fast aller meiner nicht-jüdischen Freunde in ein automatisches Mißtrauen gegen Nicht-Juden hereingeschliddert war.

keine Zuflucht in der Religion also

der entscheidende Grund für ihre Absage an alle Indikationslösungen, egal wie eng oder locker sie praktiziert werden – in allen Fällen muß die Frau eine andere Instanz um Erlaubnis fragen.

Schatz darf ich ohne dich Autofahren

darf ich einen Beruf ausüben

darf ich ein eigenes Konto bei der Bank haben

Schatz ich liebe dich nicht mehr

darf ich mich scheiden lassen

ja

all das

geht dank der Vorreiterinnen

aber das hartnäckigste all dieser

hierzulande

aufgebrochenen Verbote

hält sich

wie der Geruch von Hundekot am Schuh

längst abgestreift

stinkt es immer noch

§218 Wer eine Schwangerschaft abbricht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

und die Frauen heute gehen schon lange nicht mehr deswegen für andere Frauen auf die Straße das könnte ja die Geister scheiden

das könnte ja ein falsches Licht werfen

auf die blonden Schauspielerinnen die vom Benz aus erklären gegen Genitalverstümmelung zu sein

ja das ist einfach

das ist weit weg und wird nur manchmal von Bildschirmen bis in unser Wohnzimmer geflogen

aber was ist mit

Interessanterweise sind meist diejenigen Personen und Institutionen die schärfsten Gegner der Abtreibung, die auch am striktesten an der Geschlechtsrollenzuweisung im sozialen Leben festhalten.

generellen Gültigkeiten

 welche gibt es noch

in allen Fällen muß die Frau

außer in Kanada

Holzhacken und Abtreiben ohne Genehmigung 

eine andere Instanz um Erlaubnis fragen.

was ist das dass die Frauen denken lässt sie wären ohne Kinder nur eine halbe Portion

Hormone

die Angst nicht dazu zu gehören

dies deutet auf den zentralen Stellenwert, den selbstbestimmte Sexualität  und selbstbestimmte Mutterschaft für die heutigen Feministinnen haben.

sie fangen an Kinder zu kriegen

es wird dreißig am Horizont und die Unfälle passieren plötzlich

Jahre nach erfolgreichem Verhüten platzen die Dinger klappen die ausgerechneten Zeiträume in sich zusammen wie Kartenhäuser nach einer langen Nacht

alle wollen dann und die dies nicht wollen

verhalten sich möglichst unauffällig

nur die wenigsten dürfen in ein Nicht-Wollen eingeweiht werden

und gute Erklärungen sind das oberste Gebot

keine Lust zu haben schlicht kein Kind zu wollen

das zählt nicht das ist ja geradezu hedonistisch

verpönt

Dann wird ein Rohr in die Gebärmutter eingeführt, das mit einem Unterdruckgerät verbunden ist und durch ganz präzis eingestellten Druck die Gebärmutterschleimhaut samt Embryo und Plazenta abgesaugt.

soviel dazu

abgesaugt.

auf den medialen Oberflächen kommt Abtreibung schlicht nicht vor schon gar nicht bei Heldinnen

es sei denn sie sterben dran

oder aber man gerät auf die zum Teil gut getarnten pro-Life Seiten

dann darf man sich Metzgerauslegware ansehen

als Abschreckung versteht sich

In der ersten Woche nach der Abtreibung solltest du wegen der Infektionsgefahr nicht baden und auch keinen Geschlechtsverkehr haben.

steht in einem Buch von 1978

und

Die häufigsten Komplikationen sind

1. Unnormale Blutungen d.h. sehr starke Blutung oder eine Blutung, die länger dauert als eine Woche.

ein Fragebogen der eigens hierfür entworfen wurde

ergibt

2. Eine Unterleibsentzündung.

persönliche so genannte soziale Gründe sind im Bekanntenkreis

die Nummer eins der Gründe für einen Abortus

3. Temperaturerhöhung über 37,6 Grad ohne andere Symptome.

also das verwerflichste Argument kommt auf Zehenspitzen daher

weil anscheinend keine sich traut offen für vermeintlich individuelles Glück

politisch zu demonstrieren

aber wer nicht mal sein eigenes Körperhaus als Ausgangspunkt nehmen darf

wie soll der je eine menschliche Politik betreiben

(…)

das Anliegen sollte ein anderes sein

es sollte der Zusammenhang hergestellt werden

es sollte an einer Stelle gesagt werden

der Versuch

der Versuch

der Versuch ist

der Versuch ist

der Versuch ist strafbar.

oh

Damit sind unsichere Schwangerschaftsabbrüche der Hauptgrund für die Sterblichkeit von schwangeren Frauen.

 (…)

seit 1973 ist Abtreibung in den Staaten legal

sie müsste die Debatten zumindest in ihren letzten Lebensjahren mitbekommen haben

sie hat sich zu den Bewegungen der Schwarzen geäußert

nicht aber dazu

war es zu profan

zu sehr dem heimischen Herd verpflichtet

oder wieso

Ich war eigentlich ganz ruhig, Sterben schien mir natürlich, keineswegs eine Tragödie oder etwas, sich aufzuregen.

man könnte erörtern ob der Tod im Inneren 

Nicht dem Mörder, aber dem Selbstmörder wird das Begräbnis verweigert.

also der Abortus mehr einer Selbsttötung entspricht

oder ob es einem Mord näherkommt

und man kommt dabei voraussichtlich vom Regen in die Traufe

welche Instanz

würde man ein Tier unter der Haut tragen

keine würde es einem übel nehmen man tötete es

das Lebensrecht

nicht mal die radikalsten Tierschützer

verwalten darf.

es muss also im Menschsein alleine liegen im vermeintlichen Menschsein

im sich mit dem nicht-Geborenen Identifizieren

es gibt ergo nicht nur die Angst der Männer nicht zu wissen ob sie der Vater sind weil sie die Kinder nicht selbst austragen

ein interessantes Wort übrigens

man könnte ja denken es müsste eigentlich eher ein eintragen sein schließlich wird man in die Welt eingeführt aber nein man wird eben aus dem Mutterbauch heraus geführt

also in derselben Gehirnregion in der die Angst vor der Ignoranz über die Vaterschaft liegt ist vermutlich auch die Angst angesiedelt

bei Frauen  und Männern 

dass man selbst an des Embryos Stelle sein hätte können und in Folge eines Abortus niemals zum Lebensrecht gekommen wäre

 und obwohl eine das in dem Moment nicht mehr jucken dürfte als ein Stern der vom schwarzen Loch verschluckt wird denkt man von Außen betrachtet man müsste dieses so genannte ungeborene Leben

was ja schon ein Widerspruch in derselben Formulierung ist

denn wer noch nicht auf der Welt ist ist auch noch nicht am Leben

sondern höchstens an der Nabelschnur

man müsste dieses schützen als gelte es das eigene zu schützen

welche Instanz das Lebensrecht des Ungeborenen verwalten darf.

egal wie viele Kinder es schon geben mag

das geht dann doch zu weit

Und das insbesondere, indem sie das Anerkennen der Spannung, des Widerspruchs innerhalb unserer Existenz unvermeidlich machten, denn einesteils sind wir austauschbare Wesen, ohne die es keine Gesellschaft gäbe, die sich in der Zeit entfalten kann und infolgedessen gleichwertige Wesen, obschon in einer Vielfalt verschiedener Hinsichten, aber andernteils sind wir vollkommen singuläre Wesen, indem jeder einzelne von uns ein unvergleichbares Leben führt oder geführt hat, und die trotzdem eben in dieser Singularität sich selbst überleben können, aber im Gedächtnis der anderen.

der Versuch ist

das einzige was wir haben in dieser Welt

mit unserem Leben etwas anzufangen

anfangen gegebenenfalls auch entgegen dem Leben eines Fötus

der in einem

nein nur in einer

schlummert

 (…)

keiner fällt es leicht

und keine beansprucht eine Art Gotteshaltung für sich

so wie von den Gegnerinnen vorgeworfen

wer seid ihr über Leben und Tod zu urteilen und so weiter

sondern ganz im Gegenteil

sie wünschen sich ein zutiefst menschliches Recht

nämlich wie in der US-amerikanischen Verfassung festgeschrieben

the pursuit of happiness

das Recht auf das Streben nach Glück

das beanspruchen sie für sich so wie alle Menschen

(…)

Alle überlieferte Religion, jüdische oder christliche, sagt mir als solche gar nichts mehr.

wenn sie dagegen war dann also aus anderen Gründen

aus dem Hass gegenüber Morden am allerwahrscheinlichsten

wenn sie es denn als Morden bezeichnen würde

ich beginne also immer alles, indem ich sage, A und B sind nicht dasselbe.

Ausnahmemomente in denen man selbst entscheiden das heißt selbst denken muss

A und B sind nicht dasselbe.

was im Krieg geschieht wenn Soldaten andere Soldaten

und Soldatinnen

töten

wird ihnen nie als Mord ausgelegt es gilt das Kriegsrecht

Menschen beanspruchen schon seit langer Zeit Momente ausmachen zu dürfen und nicht zu wenige in denen das Recht auf Leben

aufgehoben

ausgehebelt

ausgesetzt ist

(…)

Das Ergebnis des Verstehens ist Sinn, den wir im bloßen Lebenssinn insofern erzeugen, als wir uns mit dem, was wir tun und erleiden, zu versöhnen suchen.

denken oder handeln sagen Sie Frau Arendt

nur mit diesem Umstand

mit diesem misslichen Umstand

will ich mich nicht versöhnen

nbsp]                                          [R]

Auszug aus einem Werk namens „Tote Russen“

 

Stutzflügel

Ein Stutzflügel war mir ins Auge gesprungen, den ich im Schaufenster des Schamanen gesehen hatte.

In [N] machte man nicht viele Worte.

Man sagte ri-ra-rutsch, knall-auf-fall oder hop-pa-la.

Ich ging also in den Laden, warf ein Bündel auf die Theke und sagte: „Ich will den Kasten!“

„Hoppala“, sagte der Schamane.

Und schwieg. Denn wie schon gesagt: Ri-ra-rutsch. Allen­falls Knall-auf-Fall. Doch dann: „Ich kann dir den Kasten nicht geben“, sagte der Schamane. „Auf diesem Kasten hat schon Beethoven geklimpert. Für dieses Bündel kannst du allenfalls Beethovens Kopfkissen, den Schlafrock oder die Pantoffeln bekommen.“

Ich erkundigte mich, ob es denn nichts gäbe, was Beet­hoven nicht berührt hätte.

Doch, das gab es. Es gab ein Stück Waldboden, auf das einst Goethe seinen Fuß gesetzt hatte.

„Und weißt du was?“, fragte der Schamane.

Ich wusste nichts, und der Schamane sagte: „Ich gebe dir noch eine Frau dazu, mit der schon Puschkin geschlafen hat.“

Ich versuchte, mir das auszumalen: Mit einer eigenen Frau auf einem eigenen Waldboden …

„Im Schaufenster habe ich aber keinen Boden liegen sehen“, sagte ich dann, und eine Frau auch nicht, aber das sagte ich nicht.

„Der Boden liegt im Wald“, sagte der Schamane, „des­wegen heißt er ja auch Waldboden.“

Jetzt sah ich den Waldboden deutlich vor mir: Oben drauf stand Goethe, an einen Baum gelehnt, aus dessen Rinde Buch­weizengrütze quoll, und unten drunter lag eine Puschkin-Geliebte, aus deren Kopf ebenfalls Buchweizengrütze quoll. Ich hörte dumpfe Detonationen, wie fernes Kanonendonnern. Die Einschläge kamen näher. Kohl!, schoss es mir durch den Kopf.

Ich kam wieder zu mir, der Schamane lächelte und fragte: „Na?“

„Nein!“, sagte ich und legte noch ein Bündel drauf: „Ich will den Kasten!“

„Dieser Kasten“, sagte der Schamane, „dieser Kasten, auf dem schon Beethoven …“

„Ja, ich weiß“, sagte ich: „Beethoven hat auf Kästen in halb Europa geklimpert. Er ist von Klaviergeschäft zu Klaviergeschäft gereist, und überall wurde er gebeten: Bitte sehr, Herr Beethoven, wenn Sie hier noch einmal eine Taste drücken könnten, und dort vielleicht … So furchtbar selten sind sie nicht: diese Kästen. Sie stehen in Wien in jedem zweiten Haus.“

„In Wien …“, sagte der Schamane.

„Ja, in Wien!“, sagte ich: „Und hier im Wald ist es wahr­scheinlich auch nicht anders. Nur dass das zweite Haus eben ein bisschen weiter weg steht.“

Beschämt schaute der Schamane zu Boden und seufzte: „Ja, du hast recht. Du bist ein schlauer Junge.“

„Also, was ist?“, sagte ich, „hier sind zwei Bündel: Krieg ich jetzt den Kasten?“

„Ich bin sicher, in Kakaja Wstretscha bei Murmansk wirst du für diesen Preis einen ähnlichen Kasten finden. Aber die Transportkosten! Da kannst du gleich nach Wien fahren. Der Kasten, so wie er da steht, kostet dich …“

Ich legte ein drittes Bündel auf die Theke, und der Kasten gehörte mir.

„Dieser Kasten ist wirklich etwas ganz Besonderes!“, rief mir der Schamane noch hinterher, als ich mit dem Klavier im Wald verschwand.


Und der Kasten ist in der Tat etwas Besonderes: Die A-Moll-Skala ---

A-Moll-Skala

Die A-Moll-Skala erweist sich als völlig ausgeleiert, das zweigestrichene Dis bleibt stumm: irgendein Idiot – wenn auch bestimmt nicht Beethoven selbst – muss mindestens 1000-mal „Elise“ darauf geklimpert haben. [R] transponiert das Stück nach Cis-Moll und nennt es „Therese“. Aber irgendein Idiot muss mindestens 1000-mal den ersten Satz der Mondschein-Sonate in die Tastatur gestanzt haben. [R] begibt sich zum Schamanen, um eine unmäßige Quarte gegen eine übermäßige Quinte einzutauschen.

„Für diesen ausgelutschten Okolyten“, sagt der Schamane mit einem diabolischen Grinsen, „kann ich dir allenfalls einen Tritonus geben.“

[R]achmaninow

Stanislaus [R]achmaninow wird 1873 als Josef [R]asu­mowsky in [N]itschewogorod geboren.

Die Eltern sind arm, aber fleißig.

Im Winter schnitzt der Vater fast jeden Tag eine Pfeife, und aus den anfallenden Holzschnitzeln und Borkenkäferlarven kocht die Mutter einen Brei.

Das Kind pfeift.

Im Sommer ist eine kleine Pfeifenorgel fertig, der eintö­nige Speiseplan erfährt eine Bereicherung durch Beeren, Birkenblätter, Pilze und ausgewachsene Borkenkäfer, und schon bald kann [R]achmaninow seinen ersten Akkord anschlagen.

Der Vater schnitzt fast jeden Tag einen Schwan, die Mutter legt Gurken ein, der Winter steht vor der Tür.

„Klopf klopf“, sagt der Winter und fordert den Vater.

Mutter legt Gurken ein, Vater legt das Schnitzmesser für immer beiseite.

„Klopf klopf“, sagt der Winter abermals und fordert die Mutter. Die Mutter legt eine letzte Gurke ein.

„Klopf klopf“, sagt der Winter ein drittes Mal und fordert den Josef [R]asumowsky.

Die Eltern liegen unter der Erde und der Sprössling sagt: „[R]asumowsky? Gibt’s hier nicht.“

„Und wer bist dann du?“, fragt der Winter.

„Ich? Wieso ich? Ja, wer bin ich … ich bin … Ach, ich bin nur der Stanislaus.“

„So so“, sagt der Winter, „Stanislaus, so so …“

Die Identitätsfrage ist damit vorläufig geklärt.

Es folgt ein kurzer Sommer mit vielen Mücken.

Dann ist der Winter wieder da.

Er fragt: „Stanislaus?“

Er sagt: „Das ist aber ein komischer Name.“

Er verdächtigt: „Bestimmt hast du ihn nur ausgedacht. Wahrscheinlich heißt du Sergej. Ja, du siehst genauso aus, als könntest du Sergej heißen. Und mit Nachnamen womöglich [R]achmaninow.“

„Ja ja“, sagt Stanislaus, und der Winter begnügt sich mit dieser Auskunft.

Es folgt ein kurzer Sommer mit vielen Mücken.

Dann ist der Winter wieder da. Er sagt: „Na? Was ist? Du bist ja immer noch hier?“

[R] zittert.

[R] verheizt seinen Stutzflügel.

[R] übersteht die Heizperiode mit Ach und Krach.

Es folgt ein kurzer Sommer mit vielen Mücken.

Und abermals steht der Winter vor der Tür. Es ist ein strenger Winter. Er fordert die ausstehende Miete und zwingt [R], seine Koffer zu packen.

[R] macht sich auf die Suche nach den Öfen der Mensch­heit. Begraben unter einer Fuhre Holz gelangt [R] nach Moskau, wo [R] erfährt, dass die weltbesten Ofenbänke in den Häusern der Bürger von St. Petersburg zu finden seien.

Als ich den Wald verließ

Als ich den Wald verließ, wurde bereits ein neues Jahr­hundert eingeläutet, von dem ich nichts ahnte. Von dem keiner was ahnte, aber von dem alle wussten: Ein neues Zeitalter war angebrochen. Das war mehr, als ich wissen konnte, ich kam ja aus dem Wald.

Ich folgte dem Glockenklang und gelangte bis nach Mos­kau. Den Wald trug ich im Kopf und im Herzen mit.

Doch entgegen den Erwartungen war der Kreml kein Schloss aus Schokolade, und man wurde auch nicht zum Frühstück dorthin eingeladen. Die Musik spielte in Petrograd. Also ging ich nach Petrograd. Den Wald trug ich im Herzen mit.

Im Petrochemischen Institut ließ ich das Stück Waldboden, die paar Krümel Heimaterde, die ich die ganze Zeit in ein Kohlblatt eingewickelt in der Tasche herumgetragen hatte, petrochemisch untersuchen. Das Ergebnis war relativ ein­deutig – Verdacht auf Petroleum –, und relativ gut wurde ich auch bezahlt: Ich bekam eine Handvoll Pfifferlinge. Kurze Zeit später war die Vergangenheit Vergangenheit. Der Ort, an dem ich geboren und aufgewachsen war, wurde ausgelöscht und hat seitdem einen Namen: Nixdorf.

Petrograder Pflaster

Ich trat hinaus aufs Petrograder Pflaster, da hörte ich was.

Ein Geiger auf der Gasse fiedelte was.

Ich weiß nicht mehr was.

„Küchenschabe, du lustiger Breikoch“ vielleicht, ein da­mals angesagter Gassenhauer,

was halt damals so auf der Gasse gefiedelt wurde.

Ich trat hinzu und lauschte.

Der Geiger setzte die Geige ab und wies mit dem Bogen auf den Kasten, der am Boden stand.

Im Kasten lag eine Handvoll kleinrussischer Erde, und auf der kleinrussischen Erde der Kopf der kleinrussischen Groß­mutter.

„Du kannst sie was fragen“, sagte der Geiger.

Ich betrachtete die Erde und den Kopf in seinem Kasten.

Die tote Großmutter erschien recht auskunftsfreudig.

Denn ihr Kopf nickte.

Also fragte ich was.

Zuerst fragte ich mich, ob das nicht ein billiger Trick war: Bestimmt hatte der Geiger den Kasten mit seinem Fuß ange­stoßen. Dann fragte ich mich, wie ich das herausfinden könnte, und ich kam auf den Gedanken, dass ich Fragen stellen müsste. Also stellte ich eine Frage.

Ich fragte: „Kannst du mir ein Rezept für Borschtsch verraten?“

Die Großmutter nickte.

Die Großmutter nickte und seufzte. Und der Seufzer klang wie ein kohlsuppendurchweichter Teppich, den man im Frühjahr zum Auftauen nach draußen hängt.

Dann klappte sie den Mund auf, und es klapperte und knirschte und quietschte wie eine Schlittenfahrt mit einem schlecht geölten Schaukelstuhl, und ich stieß einen Schrei aus. Der Geiger lachte und fragte: „Na, freust du dich?“

Ich nickte nur und warf eine Handvoll Pfifferlinge und einen Gründling in den Kasten.

Wie es zuging, weiß ich bis heute nicht.

Jedenfalls hatte ich plötzlich ein gutes Borschtsch-Rezept im Kopf. Ich kam mir vor wie ein gemachter Mann.

Aber wer hatte mich gemacht? Zum ersten Mal stellte ich mir jetzt diese Frage und natürlich kam ich nicht drauf. Ich hatte ja nur Kohl im Kopf. Gott? Ein böser Geist? Oder war ich

vielleicht ein Hirngespinst ---

Vielleicht ein Hirngespinst

Vielleicht war [R] das Hirngespinst des Singspielschreibers Gojko [M], der im Auftrag eines amerikanischen Investors gerade dabei war, eine männliche Nebenfigur in sein neuestes Opus „Therese“ zu skizzieren? Vielleicht war [R] das Hirn­gespinst von Gojko [M]. Vielleicht war [M] das Hirngespinst eines amerikanischen Investors. Vielleicht war der amerika­nische Investor das Hirngespinst von [T] ---

--- das alles erschien [R] zu naheliegend, die Eltern viel­leicht --- aber auch das war lachhaft: Hatte der Vater [R] geschnitzt? Oder hatte die Mutter [R] gekocht? Ja: Blödsinn! Natürlich nicht, aber wie?

Und überhaupt: Wie werden denn eigentlich Kohlrouladen hergestellt?

Fragen über Fragen.

Das alles hätte [R] ja die tote Großmutter fragen können.

Dann wüsste [R] jetzt was. Stattdessen: Borschtsch!

Was ist Kohl ohne Fett, wie man so sagt, und das heißt: Dazu gehört ein gutes Gläschen in guter Gesellschaft.

In einer Billard-Bar stolperte [R] über einen Menschen, der gerade unter einem der Tische hervorkroch.

„Nein“, sagte der Mann, „Borschtsch ist nicht die Ant­wort.“

Borschtsch

„Borschtsch ist nicht die Antwort“, sagte der Mann.

In diesem Moment setzte die Janitscharenkapelle wieder ein, und [R] verstand kein Wort von dem, was er weiter sagte, obwohl er redete wie ein Schwerhöriger und gestikulierte wie ein Taubstummer.

[R] verstand auch die meisten seiner Gesten nicht, doch konnte [R] sich vieles zusammenreimen – [R] war ja nicht blöd: [R] verstand „Mittelfinger“, [R] wusste, was „Faust an der Stirn“ bedeutete, [R] kannte „Zeigefinger an der Schläfe“ und „Am Ohr kreiselnder kleiner Finger“, [R] wusste eigent­lich alles.

Schließlich kam [R] drauf.

„Du meinst: FICKEN?“ schrie [R], mitten in eine General­pause des Orchesters hinein. Alle sahen zu ihm her, [R] räusperte sich, sagte: „Entschuldigung.“

Das Orchester setzte wieder ein, der Mann formte eine Feige und nickte.

Natürlich glaubte [R] ihm nicht, denn schließlich sah er aus wie ein Idiot.

Man trank noch ein Gläschen, und er gestand [R], Ras­kolnikow zu heißen.

„Das ist aber doch ein lächerlicher Name“, sagte [R], wobei [R] insgeheim dachte: Passt gut zu deiner dämlichen Fresse!

[R] riet ihm, sich „Skrjabin“ zu nennen.

„Das ist eine gute Idee“, sagte er und riet [R], sich „Romantikow“ zu nennen, was [R] für eine weniger gute Idee hielt. [R] sagte: „ ---!“ – Nein, [R] sagte dann lieber nichts. Man machte nicht viele Worte. Man trank noch ein Gläschen.

Er wollte [R] einen Bruderkuss aufdrängen, da reichte [R] ihm die feuchte Flosse. Da auch er nicht wenig transpirierte, geriet die erste Begegnung zwischen zwei Welten etwas matschig. [R] hatte das Gefühl, in einen schmutzigen Tümpel einzutauchen, aber so was beruht ja immer auf Gegensei­tigkeit. Ein gegenseitiger Ekel. Sicher ekelt sich auch der Tümpel, wenn so eine schmierige Kröte in ihn hineinhüpft.

[S]krjabin

In Moskau geboren, in Moskau gelitten, in Moskau ge­storben.

Das ist die Troika-Fahrt fast eines jeden dritten Russen.

Der magische Dreiklang besticht durch seine Einfachheit, die simplifizierende Duplizierung, die dosierte Trivialisierung der Ereignislosigkeit, die dreiste Wiederholung: Moskau, Moskau, Moskau.

Der Moskowiter Dreiklang ist hierin der Zwillingsbruder des C-Dur-Akkords, dessen ganzer Zauber ja mehr auf der unsinnlichen Präsenz der Zwischentöne – man bedenke: Cis, D, Dis, F und Fis: 5 Töne, die nicht erklingen – beruht, als auf der abgeschmackten Sinnlichkeit der tatsächlich erklingenden Töne C, E und G.

Und so vermag es kaum zu verwundern, dass Aleks [S]krjabin eigentlich Däne ist.

Unter dem Namen „Scriabin“ bereist er als Wiedergänger Chopins halb Europa. In Kopenhagen wird er mit offenen Armen empfangen, mit stehenden Ovationen gefeiert und mit Bücklingen verabschiedet.

Aleks muss gestehen: „Ich bin ein Finne mit estnischem Einschlag!“

In Neapel trifft [S]krjabin auf [R]achmaninow.

Es erfolgt ein legendärer Wettstreit.

[S]krjabin und [R]achmaninow streiten über die so ge­nannte „sibirische Stimmung“. [R]achmaninow hält sie für eine Legende, [S]krjabin für einen Mythos.

Der Legende nach klingen A, B und C gleich. Am Ende des Winters. Dem Mythos zufolge klingt A mal wie B, mal wie C. Die Theorie spricht von einer Erweiterung des Satzes der Identität: A ist genau dann identisch mit sich selbst, wenn es auch identisch ist mit B oder C.

Und C“, sagt [R]achmaninow.

„Mozarts D“, wirft [S]krjabin ein, „was ist mit Mozarts D? Zu Mozarts Zeiten hatten sie nämlich ein anderes A.“

„Es hat die gleiche Aura wie unser heutiges, auch wenn unser A ein paar Hertz höher ist“, behauptet [R]achmaninow, „das ist das Prinzip des Posthorns: Man trifft nicht zweimal hintereinander denselben Ton. Und doch weiß jeder, was gemeint ist.“

„Posthörner haben überhaupt nur einen Ton.“

Ja, aber der ist nie derselbe: Es, Es, Es und Es, wie es im deutschen Volkslied heißt.“

„[S] ist nicht gleich [S]?“

„Nicht, wenn man es viermal hintereinander spielt.“

„Auf dem Posthorn“, setzt [S]krjabin an, „auf dem Post­horn …“

Doch bevor er weiter ausführen kann, dass das Es auf dem Posthorn der Mozart-Zeit ohnehin eher wie unser heutiges D klingt, bricht der Große Krieg aus und der Splitter einer Beethoven-Büste trifft ihn unglücklich an der Oberlippe.

Der Blutverlust wirft ihn aufs Lager. 1915 seufzt er, dann dreht er sich zur Wand und haucht seinen letzten Atem gegen die Tapete.


Wiederum [R]achmaninow

[R]achmaninow wird Kapellmeister in St. Petersburg und tritt unter dem Namen [R]achmaninow eine Konzertreise in die Karpaten an.

Die Kasse klingelt, doch zum Komponieren kommt [R]ach­maninow, der sich inzwischen wieder [R]achmaninow nennt, nicht. In der heilsamen Höhenluft, von der [R]achmaninow nur Kopfschmerzen bekommt, wimmelt es von rachitischen Kindern, die ein Herr [R]atschinsky oder [R]adetzky hierher geschickt hat. Die Kinder lärmen bei Tag und bei Nacht und im Dunkeln leuchten sie sogar: Offenbar sind sie nicht nur rachitisch, sondern auch noch hyper- und radioaktiv. Als dann auch noch die Revolution ausbricht, beschließt [R]achmani­now, das Land endgültig zu verlassen.

Nacht ---

Nacht und Nebel

Nacht und Nebel in Estland.

Die Fähre nach Finnland kommt vom Kurs ab, eine mehr­monatige Odyssee – ab hier ist alles Spekulation und freie Erfindung –

gibt [R]achmaninow die Gelegenheit, sein Oratorium „Das Totenschiff“ zu vollenden. Als er schließlich in Boston an Land geht und die Fähre davonfahren sieht, meint er:

„Hätte ich den Kahn von außen gesehen, hätte ich wahr­scheinlich kein Oratorium geschrieben, sondern gebetet.“

Amerikanischer Traum

[R]achmaninow verkauft die Rechte an „Therese“.

Ein Jahr später verkauft sich „Therese“ 1 Million Mal in New York.

Stanislaus sieht keinen Pfennig. Er muss sich verdingen und arbeitet schwarz auf dem Bau.

Auch Gojko sieht keinen Pfennig und hat sich verdingt. Er arbeitet schwarz auf dem Bau und sieht keinen Pfennig.

Der Wolkenkratzer ist schon fast fertig, und sie haben immer noch keinen Pfennig gesehen.

In der Mittagspause kommen die beiden Arbeitssklaven ins Gespräch.

Der gerissene Ex-Jugoslawe [M]itić schlägt dem Exilslawen [R]achmaninow einen Deal vor, und mit einem Sliwowitz ist die Sache schnell besiegelt:

Sie tauschen die Rollen.

Stanislaus [R]achmaninow wird Indianer. Ein Kindheits­traum geht in Erfüllung.

Gojko [M]itić wird zum Mythos.

Er ändert mehrmals seinen Namen – einer unaussprechli­cher als der andere –, tritt häufig vor ein größeres Publikum und wird zu einem der bekanntesten und beliebtesten Rach­maninow-Darsteller des Jahres 1919. Die Prohibition zwingt ihn zur Flucht, und er wird Barpianist in Paris. Er nennt sich jetzt Roman Romantikow und geht ganz in seiner Rolle auf.

[R]omantikows letztes Stündlein

Mit 70 macht sich [R]omantikow noch einmal ans Werk.

In der Nacht bricht er über dem Manuskript zusammen, das sofort in Flammen aufgeht. Der letzte [R]omantiker hat die brennende Kerze umgestoßen. Ein letztes Mal bäumt sich der Tonsetzer auf und es gelingt ihm, den Brand zu ersticken, dann ist er auch schon selbst erstickt. Von seinem musikali­schen Testament bleibt nur ein Fragment, auf dem eine Vor­zeichnung mit 13 Kreuzen zu sehen ist. Vermutlich handelt es sich um den Beginn einer Transposition seiner weltberühmten Cis-Moll-„Therese“ um eine große Terz nach oben.