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Regina Dürig - Siegertext 2011

INVENTUREN

Phänomenologische Felder

Die Gärten gibt es. Es gibt Rabatten, Spaliere und Beete. Es gibt Gärten, die nicht betreten werden dürfen und solche, die nicht betreten werden können. Unkraut gibt es. Salamander und Samstagsfeuer aus abgeschnittenen Ästen gibt es. Schnecken gibt es und Schneckenfallen und Schneckenspuren. Schaukeln gibt es. Es gibt Zäune, Hecken und Harken. Es gibt Salbei, Minze und Pimpinelle. Das Grün des Gartens bei Regen gibt es. Gartenschuhe gibt es und Gartenschläuche. Birnen, Birken und Ginster gibt es. Es gibt das Harz. Es gibt Amseln und Rotkehlchen. Es gibt Äpfel, Azaleen und Blutahorn. Die Vorgärten, Dachgärten, Stadtgärten und Schulgärten gibt es.

*

Die Angst gibt es. Die Angst vor dem Alleinsein und dem Bereuen gibt es. Es gibt die Angst vor allem Chronischen, vor Dampfkochtöpfen und vor dem Enttäuschen. Die Angst vor Fatalismus gibt es, vor Gruppen und vor Hilflosigkeit. Es gibt die Angst, irreparabel zu sein und die Angst vor Jägern. Vielleicht gibt es die Angst vor einem unberührbaren Kern und die Angst vor dem, das als letztes kommt. Vor dem Muttersein, dem Nicht-genügen, dem Ohnmächtig werden an unpassenden Orten kann man Angst haben. Es gibt die Angst vor der Provinz und davor, dem Quälenden auszuweichen. Vielleicht gibt es die Angst vor der Rückkehr nach langer Abwesenheit. Es gibt die Angst, versehentlich zu stehlen, aus Trotz zu handeln oder jemanden zu verletzen. Die Angst vor den eigenen Wurzeln gibt es. Es gibt die Angst vor dem X und dem Y und dem Zurück, von dem es keins mehr gibt.

 

Die anderen gibt es. Die anderen sind Nachbarn, Klassenkameraden oder Gegenverkehr. Die anderen sind schwer zu überzeugen, die anderen sind meistens schon da. Die anderen sind in Vereinen aktiv. Die anderen sind überall. Die anderen sind Vermieter, Absender und Warteschlange, die anderen sind meistens unter sich. Die anderen sind Blutspender. Die anderen sind in der Überzahl. Die anderen sind anders, sind hier, sind gewählt, sind ansteckend, sind modern. Die anderen gibt es.

Die Wiederholungen gibt es. Es gibt die Arbeit, das Frühstück und das Autofahren. Sitzenbleiben gibt es und Stottern und Radio. Weihnachten, Sylvester und Geburtstag gibt es. Rabattaktionen gibt es. Es gibt Nachrichten und Steuern und Raten. Tiere als Ersatz für etwas Drittes gibt es immer wieder. Die Enden und den Anfang gibt es. Tabletten gibt es und Bier und Schnaps und Schnaps. Müllrunterbringen gibt es und den Geruch von gebratenen Zwiebeln im Treppenhaus. Den Schuhmacher gibt es. Monatsblutungen gibt es, Vorsorgeuntersuchungen und verdächtiges Gewebe. Routine gibt es. Was immer sich wiederholt, gibt es.

Die verlorenen und vergessenen, die Dinge mit unbekanntem Eigentümer gibt es. Es gibt Dachböden, Kellerräume, Abstellkammern und Garagen, es gibt Puppenhäuser, Federbälle und Hochzeitskleider. Dinge, die man erfolglos loszuwerden versucht hat, gibt es. Fehlkäufe gibt es. Es gibt Geräte mit Funktionen, die vormals funktionierten, jetzt aber schon länger nicht mehr. Fundstücke gibt es und das Fundbüro und Findelkinder. Es gibt das unwiederbringlich Verlorengegangene, Instrumente, Erbstücke und Dinge mit einem Gewinde, von denen niemand sagen kann, wozu sie passen oder einmal gepasst haben. Den Staub gibt es und Dinge, die erst dann gebraucht werden, wenn sie weggekommen sind. Dinge, die vergessen wurden oder sind, gibt es.

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Das Schweigen gibt es.

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Das Alter gibt es. Das Alter gibt es, das in Gramm, Zentimetern und Wochen angegeben wird. Das Alter gibt es, das mit Fingern gezeigt wird. Es gibt die Neugier. Es gibt 128, 140 und 164. Den Führerschein gibt es, Ausweiskontrolle und Minderjährige. Den Jahrgang gibt es. Lachfalten gibt es. Es gibt Hornhaut, Lesebrillen und Lesebrillenketten. Es gibt den Altersunterschied. Es gibt Kinder, Kindeskinder und keine Kinder. Langsam stiller werdende Tage gibt es. Es gibt Pflegefrauen mit kantigen Dialekten und es gibt Verfügungen in manchen Fällen. Die Namen, die verwechselt werden, gibt es. Die einsetzende Erschöpfung des Körpers gibt es. Es gibt Erinnerungen, Radio und Fernsehen. Es gibt nur noch das eine Zimmer, das eine Bett, den einen Tag. Das Alter gibt es.

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Niemanden gibt es. Niemand ist da, niemand hat gekocht, niemand ruft an. Niemand misstraut Geldautomaten, niemand schreibt heute noch Briefe. Niemand beobachtet seine Nachbarn ohne Scham. Niemand füttert Tauben. Niemand meldet sich freiwillig. Niemand hat davon gewusst, niemand hat etwas gesehen. Niemand hat gewollt, dass es so kommt. Niemand hat den Befehl gegeben. Niemand hat schuld. Niemanden gibt es.

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Die Wünsche gibt es. Es gibt selbstgebaute Häuser, Kreuzfahrten und handgenähte Lederschuhe. Wunschzettel gibt es, ein eigenes Zimmer steht drauf oder: Aquarium und stattdessen gibt es den großen Langenscheidt und Gutscheine für den Tierpark. Das echte, eigentliche Leben gibt es. Den Kinderwunsch gibt es. Feen und Zauberer und Sternenkonstellationen gibt es. Es gibt Abenteuer und Geschichten, es gibt Phantasien, die eindeutig sind und solche, die keinen Namen haben. Es gibt alles mögliche und alles andere. Die Wünsche gibt es.

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Deine Haut gibt es. Deine Haut gibt es, die zarte im Nacken und die, die sich über dein Brustbein spannt. Deine vom Rasieren raue Kopfhaut gibt es. Deine Adern gibt es. Es gibt deine Tätowierung, deine Blinddarmnarbe, deine Augenlider. Den blauen Fleck kurz unter deinem Knie gibt es vielleicht schon nicht mehr. Es gibt deine Haut, die mich berührt, wenn du mich berührst, es gibt ihren Geruch. Deine Haut gibt es.

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Die weggeworfenen Dinge gibt es. Es gibt Halden, Deponien, Zwischen- und Endlager. Schlachtabfälle gibt es und Bauschutt und Kompost. Die Mäntel, Hosen und Schuhe, Röcke, Taschen und Handschuhe von inzwischen Verstorbenen gibt es. Großformatige Arbeiten, die angefangen aber nie beendet wurden, gibt es. Es gibt die Müllabfuhr und den Straßenfeger. Es gibt das Geräusch von im Container zerspringendem Glas. Die schwarze Tonne gibt es und Batterien, die in der Küche in der Gummiringschublade gesammelt werden. Müllverbrennungsanlagen mit langen Schornsteinen in den Außenbezirken gibt es. Es gibt Schimmel und Ratten und Muff und Plüschtiere und Skier und Bürodrehstühle. Die weggeworfenen Dinge gibt es.

 

                                                                                  *

 


Die Spiele gibt es. Es gibt Worte, die mit Fingerspitzen auf den Rücken geschrieben werden. Das Verstecken gibt es und das Fangen, den König gibt es, die Dame und den schwarzen Mann. Den Herausforderer gibt es und den Favoriten. Es gibt einen Einsatz und einen Preis und einen Gewinn. Den Verlierer gibt es. Den Moment gibt es, indem bereits alles verloren ist. Das Aufgeben und das Weiterspielen gibt es. Die Spiele gibt es, die unbemerkt aufhören und plötzlich zu etwas anderem werden, etwas, das es davor noch nicht gegeben hat.

                                                                                  *

 

 

Christian Steinbacher

KAUM KONZERTANTE KONZENTRATE
(nicht mal ein Weiterreichspiel, kaum Gewicht)

Wie viele Nerven hat der Mensch?

Dreihundertfünfundsechzig, sagt man.

Das Nadelkissen stöhnt bereits.

Akupunkteure harren unser.

 

     Da, heut spielt das Monster lieblich

     was hohl ist, läuft mal weit, mal eng

     brühwarm speist kein Blick sich bieder

     schlägt auf Schalotten ein alsbald

     Innereien schrumpfen, kippen

     was Handgepäck? – Besteck genügt

     nagt man dann an Paritäten

     das Straucheln gibt uns frei die Sicht

     Schlackern weist auf ein Befinden

10  macht auf Organe dein Gedeih

     Schwager, schwipp dich durch zur Reblaus

     viel zu pikant, pikiert sich die

     parataktisch klimpern Knochen

     spießt sich Verhängnis mit Geweih

     möcht dein Klöppeln nicht veräppeln

     Schmauch auch den Vogelbauer ziert

     auf der Kippe steht solch Schnippen

     in freiem Fall hebt sich die Haut

     Überständiges gibt aus gern

20  sein Senkel gibt die Kupplung frei

     die Masseuse mag uns beknien

     Verwachsung stottert Zündstoff ab

     vor dem Zahnrad Seide zappelt

     Verborgtes steck ich uns nicht zu

     keiner mag jedoch nur Zucker

     die Niere schrumpft, die Niere kippt

     Trümpfe spielen auf entbehrlich

     ins lange Eck dies Pendel tickt

     lauter Riegel, doch kein Bruchstück

30   es bringt die Masern auf den Punkt

     hinstellt rasch was die Benennung

     Geleit erhebe den Befund

     sabbernd grast vorm Fall die Pflege

     Kartuschen wackeln bei Kontakt

     kommst dem Lausen ins Gehege

     räumst Möglichkeiten in den Pfad

     nur kein Wert, ich halt mich doch nicht

     vorm Kehricht währt die Glut so fern

     bockt dein Sessellift noch immer

40   dem Schwatzmeister gerät Applaus

     wer möcht flüchten vor solch Sirup

     Entmarkung neigt zur Form des Herds

     brüsten Blusen sich vor Bürsten

     schon ruht sein Knistern wie belegt

     So lala könnt ich mich häufen

     wie weckt man ein das Korn im Aug

     Ring für Ring fällt ab vom Blickfeld

     schon geht der Buckel in den Wald

     klammert euch nicht ans Belangen

50   aus solchem Schrott winkt uns kein Schrat

     umgepolt sind da die Freuden

     lockt räudig unter Arrangements

     Hast trägt die Pasteten außen

     sprichst dem Verzehr noch weiter zu

     möcht mein Muster Matten mähen

     der Kessel faucht, die Kuppel pocht

     Mastdarmsaiten möcht mein Meister

     zwei Klafter scherten aus wie nie

     Wimmern dröhnt ja auch bloß biegsam

60   bis jetzt missfällt am besten dies

     hältst bedeckt es, wird es schlimmer

     der Schleichweg fördert Stagnation

     über Ecken will ich knattern

     solch andre Leier schwingt mehr aus

     schlüpft dein Startloch unterwegs heut

     Oftmaliges wird oft verprasst

     hält sich Schlendern ans Geländer

     kaum sprungbereit prallt ab mein Huf

     generös dies uns vertusche

70  des Sturkopfs Atem langt nur lang

     Blindband blende Schurz wie Lende

     ein Binnentief sitzt draußen schief

     Brachialem dünkt burlesk es

     du explodierst, wo drauf ich schweig

     scheitert am Juwel dies Bündnis

     prellt burschikos ein Wegerecht

     streck das Standbild mit Pantinen

     der Schritt spricht Bände, nicht der Schuh

     ohne Herzblut reut die Mühsal

80   dem Kabinett glückt Rarität

     setzt die Konsistenz herab uns

     begehrter wirst du nimmermehr

     prall sei nur bei Norm elastisch

     vertrittst den Stampfer sprunghaft du

     Tändeln überspielt den Anpfiff

     Missfarbiges auf Fäulnis weist

     ehmals schepperte, heut piepst es

     lockt Dampf den Locus doch nach vor

     na von wegen keck, Herr Wecker

90  und Braun mit Schwarz gibt Melanin

     was drauf summt, sollt hier kaum brummen

     unscharf begrenzt quillt Imbition

     Dinge sind halt nicht Organe

     venös die Stauung Zwetschken bläut

     kommen Hauben unter Räder

     von Nuancierung zeugten die

     drück die Tauben aus wie Noppen

     wirkt aufgeweckt sein Wirbelstück

     wird der Farbbetrag gedeckelt

100 büchst aus dein Rückgrat vor dem Druck

     wirkt die Barbezahlung farblos

     Kehrtwendung auch kein Maß verschenkt

     rein in seine Wäsche schaut der

     auf wirft zum Engpass sich der Flur

     Fülle ruft nach Stich wie Faden

     die Mandarine grinsen schon

     mit der Tür rauft euch zusammen

     vergeht man sich am Strang danach

     unter Speiern ist leicht spucken

110 betrübt führt ab der Saft die Kraft

     bis die Schwellen uns entwerten

     zum Schlupf halbiert die Flügeltür

     hat Bewandtnis Wallung satt dann

     der Tränensack beurlaubt wird

     Preußischblau vor Nankings Nächten

     den Schwerenötern reicht Gewähr

     nebelgraublau schnattert Korngold

     gänzlich entleert bekehrt uns Kot

     störrisch greift kein Unterheben

120 am Seesack hängt Ultramarin

     mit Erlaub nur mit Vermeer hier

     vorm Waschsalon hockt Zyanin

     und vom Troger Paul die Decke

     Kristallablagerung mag Weiß

     ob sie überlebt, die Kelle

     Fibrinabscheidung sticht ins Gelb

     Knöterich mag es verbriefen

     selbst schwaches Lob die Krätze stärkt

     hebt vorm Joch sein Bein sein Wachhund

130 ob der Appell robuster bellt

     Zobelbraun verzerrt die Zedern

     der Stich ins Blaue fällt zurück

     närrisch überlebt die Schelle

     kein Zollbreit ziegelbraun der Zimt

     Poltern klappt mehr unverzüglich

     Stichhaltiges nur ungern stopp

     nur ein Rest mag uns erklimmen

     drei Farben maximal verkett

     kühlt sein Mütchen am Verlangen

140 kein Maul in Sicht, so weit man bleckt

     Bussi, Bussi, Bussi, Bussi

     zu unwirsch, bald zu sattelfest

     Außendruck schnürt ein die Leber

     Auflagerung zum Klebstoff hält

     ab, der Schaft, jetzt darf ich humpeln

     wurmstichig aus das Tischbein schweift

     Unterfangen überbrückt uns

     was häufig hafte, passt zuhauf

     Krempel hilft dem Ärmel auf auch

150 Ruptur trennt das Kontinuum

     Sekt weckt Hoffnung bei Adepten

     den Pfropfen fordre ungefragt

     segmentiert mir keine Schwingen

     zwei Saiten Darm gibt ab, was schwand

     knirschend löst der Schnee den Zahnstein

     im Lauf geht auf die Pelle dir

     Wollfilz weiß den Pilz zu hüten

     stößt irritierend knapp sich ab

     steht parat die Augenbinde

160 der Splitter tief im Pflock drin sitzt

     vom Bedecken scheid Umhüllen

     nehmt in die Mangel nun den Rist

     Himmel, Herrgott, lauter Spielzeug

     Lob zollt das Greenhorn nur dem Klee

     Sterndukaten bringt der Schwan mir

     Gewürm frisst an den Ölbergtrupp

     Riemen schneidert man im Stück hier

     der Grünspecht haut dich übers Ohr

     mag nicht mager in die Grube

170 aufs Äußerste üb nicht Verzicht

     wirft sich auf das Zwischenfutter

     beschämt doch jederlei Ertrag

     her aus Flamen bringt den Schleifstein

     das Kleingedruckte fegt uns weg

     Feinstaub Ziegenhaar bevorzugt

     westfälisch sei dein Abflusssieb

     trägt dein Schuh denn keine Achseln

     Dosierspender nehmt aus Marseille

     zwiegenäht wie Budapester

180 holt Leinen mir aus Bielefeld

     einwärts öffnen sich Quartiere

     braucht Schneidedraht den Seifenblock

     breit will sich die Spitze runden

     auf Eichen Knecht wie Stiefel schwört

     Senkblei einknickt vor dem Spreizklee

     macht auf sein Fußbett unversohlt

     was uns stützt, möcht auch was führen

     was droht der Not dann außer Licht

     mit Gezeter ist leicht schmettern

190 kreischt endlich mir dein Papagei

     km/h kann Mätzchen hacheln

     im Ausgang schnappt die Luft zurück

     unterm Stottern wirkt nichts pur nur

     entwässert mir das Spritzsieb nicht

     Sorgen möchten sich erstrecken

     verschleiert mich kein Dunstkreis sticht

     ist sein Einstieg denn vonnöten

     nach sich Gedudel zieht Geduld

     Blaukraut setzt sich ab vom Aufguss

200 Reglementierung macht nervös

     vornehm keift man bloß in Seide

     läuft nur im Kreis sein Hin und Her

     Schuhwerk übergeh ich ungern

     spießt sich das Fett am Augenstern

     wird geschoben bis hinaus das

     in diesem Fall bringt Obst der Schirm

     prähistorisch heißt das Landstrich

     Siebs Tete-a-tete, lacht Theodor

     treibt das Reißbrett durch den Schafspelz

210 kapituliert der Tort vorm Schlag

     schon im Anflug winkt der Nippel

     bekommt der Welpe welk es spitz

     laust mich doch die ganze Schar dann

     ums Aufgebot macht kein Trara

     steckt das Wegstück in den Leisten

     wer kennt uns denn schon am Gelenk

     Napf und Kätzchen sind sich einig

     zweihundertachtzehn ist nicht viel

     hinterlegt liegt ab die Leinwand

220     nicht nur sein Reimen will dies nicht

     Schnattern kann doch nichts verankern

     ein Schnäbler schabt an Schuh wie Kann’

     Trampeln kuscht vor Einweglaschen

     gehörig portioniert die List

     Apropos weckt Eingebrocktes

     wirr schwirren aus wir nimmermehr

     Zuckung kaum entzückt die Flunder

     der Himmel voller Stiegen drängt

     Hochglanz zuckt vor Gänsefedern

230 Herr Zwack verbittert ein sich gießt

     arglos promeniert der Zierfisch

     da reift der Zeichner zum Schrapnell

     aber niemand mag bloß tuckern

     beflügelt wird das Horn zur Wucht

     Wachs beziehen wir aus Sachsen

     nie fertig trieft dein Überschwang

     Ratio mag Ration nur

     die Keiler suhlen im Gewinn

     Miete macht selbst Memmen mürrisch

240 bleibt treu sein Sumpf dem Flaschenzug

     im Entflammen krault uns Faulgas

     dein Unterschwung den Schwank blamiert

     steigt der Zahnstein auf die Herzen

     erübrigt sich der Trick im Fall

     nur beim Großtier greift die Lanze

     der Durst uns bis zur Neige streckt

     blank blitz ab vor Putzerfischen

     kommt zum Kredit auch Regel noch

     wirst zur Kraft neutralisiert du

250 die Milz den Magensaft bezirzt

     Argwohn gern um Arglist wisse

     Rettet das Reh, ruft der Rabauk

     Fertigkeit manch Schlupfloch ausruft

     Versuchsanleitung kratzt uns nicht

     dass auch ankommt, dass was ankommt

     Auslagerung belegreich trickst

     Haut spannt ab vor gröbren Buckeln

     Erbrochenes den Wein versetzt

     Äther wirkt geädert sperrig

260 nicht in Verwahr nehmt uns wie Samt

     unterm Fangen murrt kein Wagnis

     Anfertigung beleidigt nichts

     wie, wovon, na untersteht euch

     Verlagerung klärt manch Disput

     nein, mein Kranzgefäß pickt nichts hier

     wohl kaum gemach die Fistel weicht

     austreibt bei Verzug die Bleibe

     gebranntes Lied den Rohling scheut

     lustig oder picobello

270 im Übrigen vermeide nichts

     harsch gerät die Antwort bündig

     Handschmeichler aus dem Schneider sind

     Einspruch meldet sich zur Unzeit

     schlägt Lösung all das in den Wind

     grüß mir deine letzten Kräfte

     hielt doch die Probe schon bei Kost

     was, noch immer nicht dreihundert

     die Hürden ein aufs Strecken stellt

     fremdbestimmt macht den sein Körper

280 kein Regenloch platzt punktgenau

     kauft den Sprotten ihre Schneid ab

     des Kühlschranks Sklave wirst du nicht

     Gängelband ruft Abgehängtes

     Karnickel da, Karnickel weg

     oft zu gar nichts, nie zu etwas

     die Norm verwehrt uns Sinnlichkeit

     gern tunkt Unterstützung ein dich

     mit Spangen bis zum letzten Biss

     hält sich unser Bauchfleisch Stempel

290 reiht auf die Wickel im Verbund

     Doppelauftrag lässt uns pendeln

     hält stand das Wackeln seinem Griff

     Tisch heißt dieses Fetzens Fetisch

     der Kaffer zieht die Sehne flink

     Fisch und Zaumzeug fern sich stehen

     erledigt hat Erlegen sich

     bleibt vom Garn nichts weiter übrig

     macht runter Schmier den Balsam auch

     Schächte unterm Leuchter schmachten

300 was stapft da in die Stulpen rein

     hat die Plag wer übersäuert

     Rasur wie Schur zeigt sich à jour

     auf der Lauer kauern Fliegen

     die letzte Post reicht uns der Schwatz

     Fremdeinwirkung holt uns ab dort

     bringt Klappern aufs Tapet, was surft

     keinen Tango um ein Mus mach

     trägt zur Bebauung bei die Schlucht

     Latex geht dir an die Knöchel

310 ergiebig pumpt uns ab die Sicht

     hinterm Unstern ist gut dümpeln

     das peitscht die Dauerwellen ein

     hat sich ausgezahlt die Abfuhr

     für Ausreden kein Manko preis

     treibt sich ’rum Gebinde schneidend

     zischt hoch das Fett dahinter nur

     Leergut spielt die Draufgab achtbar

     nimmt wundgeleckt sich aus die Ruh

     was nicht seichter macht die Sache

320 was zwitschert, wenn es schnattern will

     krauses Zeug verkoste Krempel

     geselcht sein Mieder sich verrollt

     allweil stellt sich dann was vor wer

     da geht der Haltung es ans Hemd

     wird wem Ausblenden zum Motor

     Kikeriki stellt ab den Kran

     Styropor klemmt uns die Schneid ab

     verwischt wirkt weiter dieser Schaum

     abgeseiht wird da die Weihe

330 die Rotte barsch dem Kehlchen lauscht

     Klick klackt’s aus dem Mottenkistchen

     Verwegenheit beginnt beim Schopf

     oft als Sachlage benenn was

     stauch alles, was dir einfällt bloß

     tränk ein Vlies nur essigsauer

     mein Kniefall vor dem Laufstall sinkt

     träumt vom Kalb der Ballerina

     in vielem es sich weiden lässt

     friss dich doch nach vor, du Flachbauch

340 Verdrehung unser gern gedenkt

     lasst getrennt mir diese Splitter

     erblasst das Saummaß vor der Naht

     trägt ihr Hifthorn aus die Klage

     Verblümtes bringt es an den Hauch

     treibt die Spitzen auf die Borte

     kein Gürtel legt sich fest vorm Schlurf

     aus der leeren Truhe knurrt es

     hält sich der Tortenboden fest

     zählt der Gurt bereits zur Hose

350     die Leichtigkeit obliegt dem Lurch

     ungefragt trag aus den Pfropfen

     vorm Wok kein Dachshund dirigiert

     heimst die Hanse ein mein Flugzeug

     weil du nicht da bist, ruf ich an

     jagt hinweg das Joviale

     auslaufen Jubiläen rasch

     hast entdeckt dich, wirkt kein Streifen

     im Kern bleibt Stück für Stück beim Strunk

     dass man das auch drastisch singe

360 stärkt Überblättern Unterputz

     was von Aussicht endlich absieht

     stehst du zu uns wie nie wer sonst

     Strümpfe halten Socken spärlich

     was uns vereitelt, drückt euch raus

     dreht ein Würger ab bald glimpflich



Michael Stavaric - Siegertext 2009
Einmal im Jahr säumten bunte Blumen die Straßen unserer Siedlung, wir pflückten all jene, die deutlich nach Sommer rochen, trockneten sie in der Sonne und rollten daraus unsere ersten Zigaretten. Wir taten, was getan werden musste, aber schon nach den ersten Zügen mussten wir husten.
Man möchte meinen, das Leben in unserer Siedlung sei beschaulich gewesen, im Sommer stritten wir uns um die größten Himbeeren, pflückten den Mädchen Blumen und legten sie heimlich vor ihre Türen. Wir fingen Hechte und Huchen, schreckten kleine Rehe auf, obwohl es hieß, sie würden so ihre Mütter verlieren … man darf Wildtiere nicht berühren, ihnen käme sonst die Zuversicht abhanden, ihr Leben zu meistern, sagte mein Onkel. Ich glaubte damals, diese Wirkung hätten nur Geister oder deren Nachfahren. Die Kitze und Jungvögel, die einem Menschen in die Hände geraten, auf sie überträgt sich unsere Angst, alles richtig machen zu wollen, schloss der Onkel. Kein Tier erträgt das!


Wäre ich ein Tier, ich würde deutlich mehr vertragen, dachte ich und stellte mir vor, wie ich (ganz leicht) allen anderen Kindern davonlief, behände Bäume erklomm und sogar fliegen, Zähne fletschen und knurren konnte. Der nachfolgende Versuch, tief in mir ein Tier hervorzubringen, scheiterte allerdings kläglich – ein Mensch gelangt nur allzu bald an seine Grenzen. Mit einem Satz wollte ich einst die breiteste Stelle des Baches queren, ich nahm Anlauf und lief so schnell ich konnte, aber selbst ein perfekter Absprung, es sollte nicht genügen, ich sollte mir niemals genügen, mein Leben langte bei weitem nicht.


Am nahen Waldrand fällten sie schon bald die ersten Bäume, Fichten und Tannen, die in all den vielen Jahren zu stattlicher Größe herangewachsen waren, die Forstarbeiter und Verwaltungsbeauftragten, die nur auf Profit aus waren und es nicht besser wussten. Sie kamen mit Kränen und Tiefladern, verluden das Holz und brachten es in ferne Sägewerke, während wir mit den kahlen Stätten leben mussten. Dann und wann vergaßen sie einen der am Boden liegenden Stämme und ich sah zu, wie sich die Bäume wehrten, wie sie noch ein bisschen wuchsen, neue Triebe und Wurzeln schlugen, ich rieb meine Augen und hielt es lange Zeit für gänzlich unmöglich … den Tod so einfach auszutricksen, ohne viel Federlesens. Aber bald kamen die Raupen und Pilze, modrige Gesellen und Wurmverwandte, die liegenden Bäume boten ihnen eine gar zu große Angriffsfläche.


Manchmal brachte mir der Onkel sogar Menschenknochen aus dem Wald mit, wir gaben uns feierlich die Hand und versprachen, keinerlei Unsinn mit ihnen zu treiben; wir nannten die Knochen beim Namen (etwa caput femoris oder articulatio coxae – also Hüftkopf oder -gelenk) und ließen sie niemals draußen im Regen liegen. Die meisten vergruben wir in unserem Garten und dachten daran, wie es uns später ergehen würde. Es kam mir jedenfalls in den Sinn, wie man meine Knochen irgendwann auffinden würde, voller Bissspuren (verwilderte Katzen und Hunde), es war keine schöne Vorstellung. Bisweilen fanden wir für manchen der Funde Verwendung … Totenköpfe etwa wurden zu Blumentöpfen umfunktioniert, wir füllten sie mit nasskalter Erde und pflanzten darin Frühlingsblumen, Schneeglöckchen und Primeln, sie waren schön anzuschauen.


Wir Kinder spielten damals gern mit dem Feuer, konnten es kaum erwarten, in den Wald zu eilen, wir trugen heimlich mancherlei Verlassenschaft (so nannten wir alles, das nicht niet- und nagelfest war) unter die Bäume, wo wir sie den Flammen überließen. Natürlich war es riskant, außerhalb der Saison Feuer zu machen, nicht auszudenken, hätten die Flammen die verbliebenen Bäume erfasst, aber wir achteten auf den Wind und hielten stets Wasser bereit, um die Feuerstelle abzukühlen. Oft verbrannten wir sogar nützliche Dinge, die allerdings über guten Brennwert verfügten und mancher Flamme einen roten, grünen oder blauen Schimmer verliehen, man konnte sich so ein ganzes Farbspektrum basteln.


Als ich zum ersten Mal vom Onkel wissen wollte, was das Wort „Verlassenschaft“ eigentlich bedeute, drehte er sich abrupt um und drohte mir … du hast doch nicht etwa gezündelt? Aber eigentlich war meinem Onkel nichts Menschliches fremd und unsere Feuer entwickelten kaum Rauch, wir hätten sie auch niemals entfacht, wären Forstarbeiter oder Verwaltungsbeamte in der Nähe gewesen.


Wenn im Frühling die Äpfel- und Kirschbäume blühten, spielten die Kinder der Siedlung gerne Verstecken, um die Toten zu ehren, wo sich doch überall um uns herum angeblich Geister verbargen. Es wurde uns jedenfalls weisgemacht, aber vielleicht wollte man die Natur auch nur mit einem Gleichnis ehren. Manchmal spielten wir sogar mit den Kindern aus unserer Nachbarsiedlung, aber die waren leicht aufzufinden, in ihren sauberen Röcken und den strahlenden Hemden, man sah sie schon von weiten, zwischen den Büschen schimmernd und im Schuppen kauernd, sie leuchteten in Kästen und Verschlägen, kein Versteck konnte da gut genug sein.


Der Onkel wusch nur selten seine (und meine) Sachen und hätte er sich uns angeschlossen, niemand hätte ihn je gefunden, so verdreckt war seine Kleidung. Als ich selbst zum ersten Mal meine Wäsche wusch, griff ich mir einen Messbecher Waschpulver, vermengte es mit Weichspüler, nahm alle meine Sachen (und meinen Mut zusammen) und ließ sie im Inneren der Wäschetrommel verschwinden. Neunzig Grad, eine Stunde lang, mit Trockenschleudern. Später hing die Wäsche im Garten an der Leine, ich spannte sie zwischen zwei Apfelbäumen, die Farben hatten sich längst vermischt, alles schien grau und zartrosa. Beim Versteckspiel würde mich jedenfalls so schnell niemand mehr finden … ich konnte es, ehrlich gesagt, kaum erwarten, bis die Wäsche in der Sonne auftrocknete, um ihre Wirkung bei den anderen Kindern zu erproben.


Im Frühling nahm mich der Onkel gern mit auf Reisen (Tagesausflüge), nur wenn er alleine aufbrach, blieb er mitunter eine ganze Woche lang weg oder sogar noch länger. Ich kannte unsere Siedlung wie meine Westentasche, die nahen Wälder und Felder … man kennt doch sein Land, wenn man es mit dem Fahrrad abfährt, atemlos und schweißgetränkt, nur so erwirbt man sich sein Recht auf die Kenntnis dieses Landes, sagte mein Onkel. Mit ihm kam ich an Orte, die mir unbekannt waren, seltsame Dörfer und Städte, um die wir später gern einen großen Bogen machten. Wir querten Straßen und Wege, deren Verlauf mich irritierte … immer wiesen sie in die Ferne, zu den nebelverhangenen Bergen, wo es beharrlich donnerte und blitzte. Manchmal spürten wir Tiere auf, die ich nicht einmal beim Namen kannte, sie waren nicht ganz so scheu wie die Tiere in unseren Wäldern, ich berührte sie im Vorbeigehen und manche schnappten nach mir und andere lösten sich in Rauch auf, so seltsam konnten die sein.


Der Onkel wusste immer, wie man welches Tier auf Abstand hielt (und warum) und wie man es töten konnte und warum es besser war, es zu töten und warum es Sinn machte, das eine oder andere leben zu lassen. Er wollte wissen, welches Tier mir besonders gefiel und hätte ich mich für eines entschieden, er hätte es kurzum zu Tode gewürgt und mir zum Geschenk gemacht. Ein weiteres Plüschtier in meiner Sammlung … aber ich war damals kein Kind mehr und Plüschtiere begannen mich zu langweilen, ich hätte es verbrennen oder anderen Kindern schenken können, aber ich entschied mich, die Tiere leben zu lassen. Onkel, ich bin doch viel zu groß für Streicheltiere und bald kann ich schneller laufen als du, das habe ich gesagt und der Onkel konnte meine zur Schau gestellte Wut gar nicht fassen.


Zu Hause saßen wir beim Abendbrot, während die Sonne sank, hingen wir unseren Gedanken nach, der Onkel dachte vielleicht an eine verstorbene Tante und ich wollte auch ein Geheimnis haben, wo doch sogar der dicke Junge zwei Straßen weiter neulich erzählte, er hätte ein Geheimnis und sei nun ein völlig anderer. Ich wollte auch jemand sein, lag später in meinem Bett und konnte mein Unglück gar nicht fassen. Die ganze Nacht lag ich wach und als der Morgen graute, kam ein Graureiher geflogen, er segelte nur knapp am Fensterbrett vorbei und setzte sich in unseren Garten … dorthin, wo wir manchmal saßen, ich und der Onkel und der Graureiher war der Dritte im Bunde. Mit seinem hässlichen Schnabel pflügte er Beete und Grasnarben um, er suchte nach Würmern und Fröschen. Einmal stand ich mit dem Onkel vor dem Haus, er wollte mir den Unterschied zwischen Mann und Frau erklären, aber dann kam plötzlich der Reiher geflogen, er würdigte mich keines Blickes und ließ uns ratlos zurück.


Ich trat zum Fenster, die Siedlung lag still im Morgengrauen (nur die Boten und Schornsteinfeger waren schon auf den Beinen) und ich öffnete die Fensterläden, um mich abzukühlen. Verrätst du mir dein Geheimnis? schnaufte am selben Tag der dicke Junge, den ich zufällig traf und mit dem ich nur sprach, wenn mich ein  schlechtes Gewissen plagte (was nicht oft der Fall war). Du sollst dich nicht schlagen, nicht fluchen und nicht zu schnell erwachsen werden, du sollst nicht, sagte der Onkel und wandte sich wieder seiner Zeitung zu. Ich wurde gezeugt und geboren, um diesen Ort Heimat zu nennen, war wohl eines dieser Kinder, deren Zukunft im Dunkeln lag und die schon immer hier lebten, jedenfalls konnte ich mich an nichts anderes erinnern. Nenn mich doch Bruder, sagte mein Onkel.
Es schien mir damals mehr als seltsam, den Onkel so zu nennen, auch wenn ich natürlich wusste, was er meinte. In der Siedlung gab es jede Menge Brüderpaare, sie gingen bisweilen im Bösen, manchmal auch Guten auseinander und oft genug lebten sie im selben Haus (mit ihren Frauen) und aßen vom selben Teller. Einige von uns Kindern pflegten Blutsbrüderschaften, wenn es die Umstände zuließen und sich beide Seiten Vorteile davon versprachen, manche handelten aber einfach auch nur mutwillig und gegen ihre Überzeugung. Die einen aßen kein Fleisch und die anderen gingen nie Schwimmen, manche trugen das ganze Jahr über rote Halstücher und einige sprachen vormittags kein einziges Wort (so gesehen war jeder auf sich allein gestellt). Ein paar Burschen spielten mit spitzen Messern, ein paar Mädchen schoren sich ihre Haare und verbrachten viel Zeit im Wald, weil doch keiner wissen durfte, was sie dort trieben. Die Reichen luden zu Familienabenden und die Armen balgten sich den Sommer über in Hinterhöfen, es gab Würfelspiele und Hahnenkämpfe und kaum ein freundliches Wort. Die Bösen schnitten das Brot auf, mit gezackten Messern teilten sie die noch warmen Laibe und die Guten brachen sie mit ihren Händen (entzwei) und steckten sich die noch warmen Innereien in den Mund.


Ich selbst besaß keinen Blutsbruder … ein paar Mal war es mir angeboten worden, aber irgendwie entsprach es nicht meinen Vorstellungen, mich an andere zu binden und oft genug hielten diese Schwüre doch kein einziges Jahr. Der Onkel erzählte mir, Jäger seien sich manchmal verbunden, wenn sie einander das Leben retten oder anderes gemeinsam durchleiden, sie sind dann wie Brüder, sagte der Onkel, weil sie gar keine Wahl haben und einer dem anderen den Rücken freihält und der andere schießt und der eine lädt und hält Ausschau und schläft niemals ein, weil auf einen Bruder Verlass sein muss. Bisweilen kamen fremde Jäger, fast bis in unsere Siedlung, sie trugen keinerlei Loden und oft waren sie die die besseren Männer, weil sie uneigennützig handelten und sich (aus Überzeugung) für jene einsetzten, die gar keine Wahl hatten. Mein Onkel wollte es vielleicht auch nur zu gern glauben.


In der Nacht schlugen die nahen Äste der Bäume oft gegen unser Haus, die Fenster klirrten, sie konnten nicht ausweichen und hielten trotzdem stand. Manchmal öffneten wir im Frühjahr die Fenster, um den Wind ins Haus zu lassen, es gäbe keine bessere Gelegenheit, zu lüften, man müsste nur sich und die Seinen festhalten, sagte der Onkel. Und nachdem der Wind unser Haus gefegt hatte, verbrachten wir Tage damit, allerlei Dinge in den verschiedenen Räumen zurechtzurücken. Das war allemal leichter, als so ein Haus von Grund auf sauber zu machen, ich konnte in der so gewonnenen Zeit allerlei Nützliches lernen.


Der Onkel brachte mir etwa Geheimschriften bei, mit deren Hilfe ich (völlig unbemerkt) versteckte Botschaften für meine (so die fiktive Annahme) verbliebenen Gefährten zurückließ. Am einfachsten war es, Fensterscheiben anzuhauchen, dort ließen sich Nachrichten deponieren, die, kaum notiert, wie von Geisterhand verschwanden. Um sie erneut hervorzuzaubern, genügte es, sie einem warmen Atem auszusetzen … vielleicht vermochte man so auch Lebende von Toten zu unterscheiden.


Es gab aber auch noch andere Möglichkeiten, seine Botschaften an den Mann zu bringen; der Onkel zeigte mir, wie einst in der griechischen Stadt Sparta die Männer und Frauen verfuhren. Sie wickelten einen schmalen Streifen Leder oder Pergament um einen Holzstab, auf dem später (der Länge nach) die Botschaft aufgeschrieben wurde. Kaum hatte man diese wieder abgewickelt, ergaben die notierten Zeichen keinen Sinn mehr … man musste sie, nachdem sie überbracht worden waren, um einen exakt gleich bemessenen Stab wickeln. Die Griechen nannten diesen „Skytale“, sagte der Onkel. Er erzählte mir auch die Geschichte eines gewissen Histiaeus, der wiederum einen Aristagoras zum Aufstand gegen irgendwelche Könige aufstacheln wollte und um diese wichtige Botschaft sicher zu übermitteln, ließ Histiaeus den Kopf des Boten rasieren, brannte die Nachricht auf seiner Kopfhaut ein und wartete ab, bis das Haar nachgewachsen war; erst dann durfte der Bote aufbrechen. Später musste sich dieser am Zielort lediglich seinen Kopf rasieren und die Botschaft gelangte in die richtigen Hände.


Einmal hat mir der Onkel sogar gezeigt, wie man Nachrichten in gekochten Eiern verbarg, es war überhaupt nicht schwer; wir vermischten eine Unze Alaun mit etwas Essig und schrieben mit dieser unsichtbaren „Tinte“ einige Belanglosigkeiten auf die Eierschalen. Die Lösung durchdrang die Schale und hinterließ besagte Worte (ich glaube, sie lauteten „Krähwinkel“ und „Trübstrü“) auf der Oberfläche des gehärteten Eiweißes. Man konnte sie erst dann lesen, wenn die Schale entfernt wurde. Ob man das Ei überhaupt noch essen durfte, erfuhr ich aber nicht.


Vieles blieb im Dunkel … so wurden in unserer Siedlung die Kinder tatsächlich niemals erwachsen, sie blieben klein und beweglich, lachten und spielten den ganzen Tag, was manchmal seltsame Fragen nach sich zog. Einmal kamen Verwaltungsbeamte und zählten die Kinder durch, sie legten Maßbänder an und notierten Größe und Gewicht, sie spannten diese zwischen Scheitel und Sohle, daran ließ sich einfach alles ablesen. Wie jemand hieß und welcher Familie er zugehörte und ob er gute Noten hatte oder manchmal Fensterscheiben einwarf oder sogar Tiere quälte oder den Nachbarn Böses wünschte. Wenn es regnete, besahen wir einander in den uns mahnenden Pfützen, unsere Spiegelbilder sprachen zu uns (während wir schwiegen), alle konnte es sehen und hören, aber keiner wunderte sich.


In unserer Siedlung lebten keine Frauen mit blauen Augen und auch keine mit grauem Haar, ich weiß gar nicht mehr, wann mir das zum ersten Mal auffiel. Zauneidechsen sonnten sich an den Hauswänden, grüne und braune Gesellen, die der Onkel mit Fliegen fütterte um sie bei Laune zu halten. Nebenan wimmerten manchmal die Mädchen, weil ihnen zu heiß war oder der Vater früher nach Hause kam. Es gibt das Böse, sagte der Onkel, und es gibt uns, die keine Fragen stellen, die ihr Auskommen finden, weil sie ihre Nasen nicht unter fremde Röcke schieben. Dem Onkel war also keinesfalls entgangen, dass ich mich langsam für die Mädchen der Nachbarn zu interessieren begann. Mädchen, die plötzlich nach Waldtümpeln dufteten. Ich stellte mir sogar vor, wie es wohl wäre, selbst Kinder zu haben, weil ich wusste, dass das passieren konnte, wenn man zu oft an Mädchen dachte. Ich hatte so gesehen viele Kinder, aber den meisten mangelte es an Takt- oder Ehrgefühl, viele wurden sogar ohne Gliedmaßen geboren, dem einen fehlte ein Bein und dem anderen die Hand oder das Auge, vielleicht wären sie trotz allem gute Menschen geworden, weil sie es im Blut hatten. Wenn einem ganz wesentliche Dinge fehlen, achtet man doch fortan auf sich, kann für andere ein gutes Beispiel abgeben, dachte ich noch.


Früher, als es noch nicht so viele Jäger in den Wäldern gab, kamen noch Gaukler und Schausteller in unsere Siedlung, um ihre Kunststücke vorzuführen. Sie blieben ein, zwei Wochen (meist unter sich), aber ihre Auftritte konnten sich sehen lassen … es gab Esel mit roten Hufen und Schlangenfrauen und einen Mann mit viel zu langen Händen, der Vogelnester aus den Bäumen pflücken konnte und eine Ballerina, die Kirschkerne so hoch in die Luft spucken konnte, dass diese nie wieder zur Erde fielen. Unter dem Schauvolk lebte auch ein bunter Papagei, der einem, gegen ein geringes Entgelt, die Uhrzeit aufsagen konnte und ein etwas zu klein geratener Zauberer ließ Nebelschwaden aus seinem Zylinder steigen, die unsere ganze Siedlung in ein fahles Dämmerlicht tauchten. Mit etwas Glück konnte er sogar die Sonne vom Himmel fegen, zuvor aber mussten alle die Augen schließen und wenn man sie wieder öffnete, war die Sonne verschwunden, es war dunkel und keiner wusste so recht, wie viel Zeit vergangen war. Ich hatte den Zauberer schwer im Verdacht, dass er uns hinters Licht führte, aber es war ihm nie etwas nachzuweisen und auch der Papagei hielt seinen Schnabel.


Ich dachte damals daran, dem fahrenden Volk zu folgen, um vielleicht in anderen Siedlungen und Städten mehr über das Leben zu erfahren, doch der Onkel ließ es nicht zu und vielleicht war es auch nur meine Schuld. Nenne mir drei gute Gründe und du kannst mit ihnen ziehen, sagte der Onkel, aber über zwei (mehr oder weniger) gute Gründe kam ich nie hinaus. Also blieb ich, wo ich war, ein Geist, dem man nachschaut, dem man kaum etwas zutraut, der vielleicht nie existierte.


Siegertext 1. Literaturwettbewerb 2008:
Andrea Winkler
"Drei, vier Töne, nicht mehr"


Ich werde hier gestanden sein, später. Zu Ihnen aufsehen, wie Sie aus dem Fenster schauen, und denken, ich sei leise angekommen, leise zurück gekommen. Die Dorfstraßen zur Mittagszeit hinauf bis zum Platz vor dem Turm, die weißen Mauern entlang, vorsichtig Fuß vor Fuß, aber nicht versteckt, gar nicht. Ich werde mich hier schon einmal gehört haben, einen sanften Gesang, drei vier Töne, nicht mehr, ein Summen, vom Wasser herauf. Da unten war niemand sonst, da hat mich keiner mehr gesehen. Einmal jemand, die gesagt hat: Es war eine da, die sich vor das Wasser stellte, Welle für Welle ein Tropfen auf die Wange, und nichts als dieses Singen und Summen, sie sprach nicht mehr, mit niemandem. Aber ich werde ein Lied gesummt haben, ich habe es immer vor mich hingesummt, drei vier Töne, und ich werde darin gesprochen haben, jemanden angerufen vielleicht? Ich werde da gesessen sein, mit einem Blatt in der Hand, und lange, lange ohne ein einziges Wort. Ich habe den Wind im Blatt gehört, ein leichtes Zittern, ein Raunen. Wenn ich die Hand vor das Gesicht halte, weil mich das Weiß der Hausmauern um mich blendet, so bitte ich Sie, daraus nichts zu schließen. Sehen Sie nur, die Finger bedecken nicht alles, zwischen ihnen dringen Ausschnitte durch, Schnitte, genug genug, und immer genug, um weiter zu gehen. Wozu immerzu gesehen werden, ganz? Wozu immerzu sehen? Jetzt, da ich wieder gekommen bin und irgendwann da gestanden sein werde, darf ich ein Schatten sein und ganz beweglich dabei, ganz lebendig. Ich war auch damals, als ich vorm Wasser stand, ein Schatten, kräftig und langsam: Quer durch den Staub gefahren, der Weg eine Kluft, der Körper gerüttelt, aber immer weiter und weiter und dich nicht allein gelassen. Kommen Sie noch ein Stück weiter, gehen Sie noch mit? Sind Sie es, der da oben aus dem Fenster sieht, auf mein beinah verborgenes Gesicht, die gleich schmerzenden Augen? Damals hatten Sie kein Fenster zur Verfügung, damals liefen Sie mir immer voraus, hießen mich ständig Ihren Namen sagen, ein Name wie gemacht für den Trommelschlag, der ihm folgt und ihn ankündigt, ein stetes Gebrüll, und ich Ihnen hinterher, eine Fährte um Sie herum, eine Maske aus kleinen Gebärden, Sprüngen, Tänzen, alles, was ich war, und sehr wahr. Was ich zu rufen hatte? Achtung, hergesehen, hingehört! Hier kommen wir, ein Gespann aus Stärke und Schwäche, Befehl und Gesang, Akrobatik und Applaus. Bitte, konzentrieren Sie Ihren Blick auf den Größten aller großen Akrobaten, einen düsteren Himmel, jemanden, der Feuer wirft, Flammen schluckt, wie im Zirkus. Ein Löwe, fast wirklich! Und ich ihm auf den Fersen? Und Ihnen, der Sie jetzt aus dem Fenster auf mich herab blicken, auf mich, die Wiedergekommene, mit dem Geflüster vorm Wasser, den Händen über den Augen, all das wunde Weiß, ich, Ihr Schatten. Wissen Sie noch, wie es kam, wie es kam, dass ich mit Ihnen aufbrach? Ich saß da, inmitten der anderen, die kleiner und größer waren, geh nicht fort, hieß es da, und du musst in die Welt ziehen dort, es fehlt uns an allem. Sie standen an die Säule gelehnt, scharrten mit dem Fuß im Sand, im Boden, auf dem ich ein paar Schritte hin zum Wasser machte und mich dann hinkniete, den Kopf eingezogen, die Ohren gerötet. Und wenn ich diesen Horizont vermisse, das Sammeln der Muscheln und Steine für nichts als die Zeit, die hier keiner braucht, weil es auch sonst an allem mangelt, außer an Sand? Ihr Wellen, du Sandgesträuch, ihr kleinen sinnlosen Steine, nährt mir die Gedanken, die hierher fliehen werden, einmal und immer wieder. Haltet das Dach auf dem Haus hier vor euch, wenn es stürzt. Vielleicht wird sich keiner je erinnern. Was wissen Sie noch, wenn Sie aus dem Fenster sehen wie jetzt, herab auf mich, was wissen Sie dann? Es ist sehr heiß hier, Mittagsstunde, schleppender Schritt, aber ganz auf den Platz zu, ein Platz wie viele der Plätze, wo wir unsere Kunststücke zeigten, mit Geschrei im Voraus: Bitte, kommen Sie alle näher, schauen Sie hin, zwei Gaukler, Rede und Widerrede, sehr verkommen, sehr heilsam, Muskelkraft und Geschmeidigkeit, als ob ich fliegen könnte. Falle ich jetzt? Gebe ich auf? Bitte, sehen Sie nur, die Füße rollen von den Ballen zu den Fersen, ich laufe drei Schritte, mein Umhang mir nach, bis ich mich beuge: Verehrte Alle, ich bin sogar in der Beuge ein Vogel, vielleicht nur in der Beuge?  Und Sie, ein Name, der die Trommeln zwingt, Laut zu geben. Sollte ich, um Ihnen alles zu erleichtern, als Trommel geboren sein? Aber, frage ich Sie, was nur eine, die wiederkehrt, fragen kann: Was für eine Erleichterung wäre das? Und immer weiter und weiter, dass wir zu Mittag an Ort und Stelle sind, und dazwischen geschüttelt, ich hinten, Sie vorne, und wenn es Ihnen einfällt, stoßen Sie mich ab und lassen mich sitzen am Rand, und nur aufgerissene Augen blicken Ihnen hinterher, so viel Erschrecken. Kauern an der Gehsteigkante, bis die Kinder kommen und dann die Mütter und Väter, da sitzt eine, mit der stimmt etwas nicht, die gibt keine Antwort, keinen Laut. Gleich spring ich auf, gleich lauf ich, wie damals, zurück und vors Dorf hinaus, hör meine Schuhe aufschlagen und stolpere über den Wagen, neben dem Sie liegen im Gras und schlafen, schlafen. Schnell die Augen verdreht, schnell die Schuhe ausgezogen, die Arme ausgestreckt, rings um meine eigene Achse tanz ich, der weite Rock schwingt, aus purer Freude, dass Sie noch am Leben sind. Es hätte ja alles geschehen können! Es hätten die Räder brechen können und die Straße plötzlich abfallen, es hätte die Trommel Sie rühren können, im Angesicht der langen Nacht, und zu Tode erschrecken. Dummer Gedanke, nicht wahr? Ein Löwe wird nicht von seinem eigenen Befehl ergriffen, ein Löwe schläft, bis er aufs neue brüllt. Und jetzt, da oben, vom Fenster aus, alles vergessen? Das Poltern beim Betreten der Plätze, das Anspannen der Brustmuskeln, auf dass die um sie gespannte Kette entzweireiße? Ich, mit den großen Augen daneben, hüpfte wie mit Vogelfüßen um Sie herum, wagte ein Schielen, einen kleinen Sturz, ein Kopfeinziehen und wieder -herausstrecken. Applaus! Applaus dem großen Zerschmetterer! Ziehen Sie da oben den Vorhang vors Gesicht? Streift der den Boden, ist er Ihnen Hülle genug? Oder schlafen Sie, mit offenen Augen, haben Sie, später, als ich fort war, Träumen gelernt? Wenn ich Sie suche, wenn ich Sie immer noch suche, wenn ich das Gesicht zu Ihnen drehe und wende und drehe und wende, höre ich den Wind im Blatt zittern. Ich halte still, ich weiß nicht, ob ich da gestanden sein werde, später. Ich weiß nicht, ob es wichtig ist und weshalb es mich hierher wieder getragen hat, und was. Nur die Füße vorsichtig aufsetzen und den dünnen Schuhsohlen die Pflastersteine eingravieren, alles zeichnen lassen, alles, schmale Wege wie Klüfte, ein Lied, das Knistern von Feuer: Wenn ich ein Boden bin, bin ich ein Schaukeln, wenn ich ein Schaukeln bin, bin ich ein Fliegen, wenn ich ein Fliegen bin, trägt mich ein Sturm, und wohin auch immer, nach Hause, nach Hause nicht. Im Ende, wenn ich dann da bin, bebt das Glas auf dem Tisch, vor unsern Augen? Bebt da oben grad Ihr Glas auf dem Tisch, von meinen Schritten hier unten? Die Sonne in die Haare getaucht, das volle Haar eines Menschen, der früh, zu früh, vorm Wasser stand, geh ich weiter und weiter, auf den Turm zu, die Pflastersteine vor ihm und um hin herum. Ich habe einmal noch einen Auftritt alleine zu bestehen, einmal vor Ihren Augen hinterm Vorhang alleine zu gaukeln, zur Erinnerung an den Abschied am Meer. Einmal ein Abschied mit Sand in den Händen, wohin geht’s, Horizont, wohin geht’s mit euren Stimmen im Kopf: Geh nicht fort, du musst in die Welt hinaus ziehen, es fehlt uns an allem. Und ich lachte leise in mich hinein, etwas wird schon angefangen haben, gewiss, wenn ich nur etwas hab, wohin ich mich träumen kann? Schnell einen Stein in den Mantel gesteckt, einmal noch umgesehen, den Blick gesenkt, und schon in den Wagen gestiegen, mit dem, der mit den Füßen scharrte im Sand und niemanden sah. Aber ich! Ich werde singen lernen und tanzen und keine Angst haben. Ich werde Feuer machen, Tomaten säen und zwei Teller Suppe essen. Durch die Welt ziehen und ein lebendiger Schatten sein, vorm Wasser stehen, nur noch summen, sonst nichts. Sind Sie noch da am Fenster? Hören Sie zu? Bin ich nur Ihretwegen noch einmal gekommen? Nur damit Sie denken, ich sei leise, immer so leise gewesen, und meine Stille Sie endlich, spät, sehr spät, ansteckt, plötzlich verklingendes Löwengebrüll. Achtung, hergesehen, hingehört! Hier kommt der größte Akrobat aller Zeiten, einer, der die Ketten mit einem Atemzug zerreißt, ein Furchtloser, zur Furchtlosigkeit bestellt. Nicht wahr, verehrtes Publikum, das macht Angst, das frisst sich wie Salz in die Wunde. Aber wenn ich laufe, wenn ich auf Vogelfüßen steige und springe, kann nichts geschehen, dann bin ich ein Kreis, ein kleiner Wirbel rings um den Zorn, hängende Mundwinkel, aber im Blick viel Helles und so viel, was sich weiter und weiter dehnt. Es dauert nicht mehr lang, ein paar Stunden vielleicht, und Sie werden auf der weißen Hausmauer mit dem bröckelnden Putz meinen Schatten sehen und etwas, das Sie nie gesehen haben. Und sich erinnern an meinen einzigen Satz? Sie sehen mich nicht, Sie sehen mich einfach nicht. Wäre der mit mir nur davon gesprungen, früher schon, hätte der mich aus dem Kreis geworfen, ich hätte den Weg zum Wasser nicht gemacht, ich wäre nicht liegen geblieben allein, mitten im Nirgendwo. Niemand, der danach hätte sagen können: Sie sprach nicht mehr, mit niemandem. Nur noch ein Summen, drei, vier Töne, nicht mehr. Ach wo! Irrtum, gewiss, denn ich hätte mich ohnehin nahe zum Wasser gelegt, hätte ohnehin gesummt, was sonst, so zog ich ja fort, oder nicht? Folgen Sie mir weiter, ich nähere mich, ich nähere mich dem Turm in der Dorfmitte, es wird nicht ewig dauern können. Gehen Sie weiter von Fenster zu Fenster, aber lassen Sie nur den Vorhang nicht aus! Ist dies alles hier, sind all die weißen Häuser Ihre Wohnung? Ein ganzes Dorf die Wohnung eines Löwen und Kettenzerreißers, einer Muskelkraft, eines Zorns und zu späten Wimmerns? Als Sie jemanden sagen hörten, da stand eine mit einem Lied auf den Lippen, nichts weiter, da weinten Sie doch, nicht wahr? Wissen Sie noch, wie Sie mich holten, wie wir zusammen aufbrachen, ich, ein Gefolge, jemand, der mitreist und im Abschied noch glaubt, alles alles könnte doch gut werden. Wer so vorm Horizont saß und wartete, wer so Muscheln und Steine sammelte, dem wird es auch weiterhin an allem mangeln, aber er wird tanzen lernen, singen und zwei Teller Suppe essen. Also, aufgepasst, hergeschaut, hier kommt meine Nummer: Der Löwe hat eine Mähne, die Mähne keinen Finger, der sie kämmte und koste. Ich bin ihr keine Schere, nicht einmal ein Floh, aber hüben und drüben und daneben ein Singen von Fliegen.  Liebes Publikum, das unsichtbar ist, zurückgezogen zur Mittagsstunde, der unheimlichsten des Tags,  hören Sie den Trommelschlag, den Namen, mit Trommeln gesagt, und das Zögern in ihm, das Stocken? Denn manchmal wollten die Stäbe die Trommel nicht rühren, wollten verworfen werden, wollten ins Haar geflochten werden, ins struppige, ungekämmte, aber noch lange nicht verwitterte. Am liebsten mich ganz klein machen! Hinknien wie damals, kurz vor dem Aufbruch, den Rücken vorbeugen, Kieselstein du, ausgebleichter Rockzipfel, fang das Wasser aus dem Auge auf. Gib dem Löwen  zu trinken, einen Tropfen und noch einen. Wenn die Finger das Gesicht hinunterstreichen und es freilegen, wenn die Mundwinkel sich krümmen, fangen Sie dann, hinter dem Vorhang aus dem Fenster spähend, an, sich zuhause zu fühlen? Sind Sie auch, nur für diese Stunde, nur für meinen Weg durchs Dorf, wieder gekommen? Ich träume wohl, wie damals, ich träume eine Drehung, eine Wendung, ein Schweben überm Pflaster. Dass Sie das sein könnten! Schweigen, um nur noch zu summen, irgendwann. Als ob das eigene Ohr der Trommel müde geworden wäre, all des Gebrülls: Hier kommt der große, der größte, der beste aller Akrobaten, aller Gaukler und Fahrer! Ein dicker Pelz, ein Jäger mit Gefolge, einem Niemand, einer Fliege. Aber hier muss sie sein, Tag und Nacht übers Pflaster rütteln und schütteln, ums Feuer gehen, während ich esse, Tomaten säen, während ich schlafe, und das Feld räumen, wenn ich alleine lagern will. Verstanden, einmal und für immer? Hör mit dem Fragen auf! Hör auf mit dieser Musik! Mir donnert das Rad im Ohr, Motorengeräusch, Lügen und Lügen, und die Rufe derer, die dich halten wollen, zu sich ziehen, fort von mir. Du hast da zu sein, du hast fort zu sein, je nachdem. Immer auf mich zu, aber weit weg, hinten im Wagen, draußen im Gras und manchmal im Graben. Hergesehen, hingehört, keiner spielt so gut wie wir. Doch, doch, ich, ich, dein Summen, niemandes Fliege, ich hätte noch größer werden können, vielleicht. Aber was macht es, dass es noch nicht geschehen ist, hier schleich ich auf den Turm zu, die stillen Straßen entlang, jeder Stein eine Zeichnung meines Fußes, Strich um Strich, Falte um Falte zu einem Bild gelegt, das zu Ihnen dringt, hinter den Vorhang. Eine Wiedergekommene wandelt durchs Dorf, eine, die zum Wasser hinlief, mit weiten Armen, ein Wehen, ein langes Atmen. Kauert sich hin, sagt, aber jetzt sind Sie ja gar nicht allein, jetzt hör ich Sie doch, obwohl Sie nicht schreien, nicht sprechen. Merken Sie es? Lassen Sie die Wellen wirbeln um den Fuß? Es treibt ein Boot aufs Meer hinaus, kein Sturm, keine Brandung, kaum ein Säuseln, nur ein Verklingen, drei vier Töne. Jetzt blendet mich nichts, jetzt ist der Schmerz fort, jetzt schließ ich die Augen und zieh ganz im Dunkel weiter, auf den Horizont zu und den Turm da oben. Vorsichtig Schritt für Schritt, eine Übung für nichts. Ich hab doch schon Singen gelernt, Tanzen und drei Teller Suppe essen? Und Sie vernommen, das Kratzen am Bein, hinterm Ohr, das Toben im Schlaf, während ich daneben saß und dachte, wo Sie wohl seien, wo sie wohl eben in die Welt hinaus brüllen, wie um Ihr Leben. Sie hatten doch Boden unter sich, und jetzt, während Sie hinterm Vorhang ausharren, stehen die Beine doch auch gerade und fürchten nichts. Wenn Sie, einmal an meiner statt oder mit mir, egal, doch begonnen hätten, etwas anderes zu fürchten, als den, der wirklich höher steigt und springt, in der Luft, den, der schaukelt unterm Dach. Der musste glauben an Ihre Angst, ahnungsvoll wieder gefunden werden, egal, wohin er auswich, egal, wohin ich fortlief.  Wie sieht’s aus da drinnen, wo bewahren Sie die Stäbe auf, mit denen ich die Trommel schlug, Ihnen hinterher und voraus? Sind Sie zuhause, jetzt? Ich werde zu Hause gewesen sein, später, lange nachdem Sie mich von da mitnahmen, fortholten, eine, die nach Kräften geliebt wird, eine, die müde geliebt wird, bleib da und geh fort, es fehlt uns an allem und nun auch an dir. Ob die wissen, dass ich später sang, vorm Wasser, vom Wasser herauf? Ob sie das Ohr in die Brandung halten, die ausblieb, als ich im Sand saß, als das Floß fort und fort trieb? Vielleicht sind Sie zur Stunde woanders unterwegs, laufen breite Stufen zum Platz hinauf, zum Turm, um das Fernste zu erhaschen. Sie berührt das so wenig wie damals, als Sie, den Hut ins Gesicht gezogen, den Blick abwandten von der, die zum Ufer läuft, Ihrem Schatten. Dem bring ich tanzen bei, singen, der wird mir gehorchen aufs Wort, Achtung, hergehört, hingesehen: Hier kommt ein Gespann, einer, der Flammen schluckt, eine, die ums Feuer springt. Was hat mich aber dann in den Graben gestoßen, was auf den Gehsteig gehockt, was mir das Wort aus dem Mund genommen? Sie sehen mich nicht, Sie sehen mich einfach nicht. Ich singe erst, wenn Sie schlafen, ich schleiche fort, ich spiele im Dunkeln, spiele Marschieren zum Trommelschlag, spiele Gehorchen, spiele Ihren Namen in den Wind streuen! So bebt mein Blatt in der Hand, so grüßt mich Ihr Zorn. Was kann ich dafür, dass ich gesehen habe, wie einer an ihn glauben muss, wie einer an ihm stirbt? Nein, lassen Sie ab, halten Sie still, der will doch auch nur leben, leben.  Der will auch nur übers Seil gehen und denen einen Stein geben, die ihn wünschen. Der schneidet doch dem, der die Ketten mit den Brustmuskeln zerreißt, die Luft nicht ab. Hören Sie mich noch? Sie müssen mich gar nicht mehr sehen, nicht einmal hinterm Vorhang. Sie können die Augen schließen für den letzten Weg, die paar Schritte noch zum Turm in der Mitte, bald bald bin ich da, bald lass ich die Füße Füße sein, Zeichnung und Bild, feine Linien und viel viel Schmerz. Ein Bein, das schwer wird, ziehe ich nach, die Mundwinkel fahren mir fort, und immer dazwischen spähe ich mit geschlossenen Augen zum Himmel hinauf. Wie damals, wie oft und oft auf unseren Reisen, auf der endlosen Fahrt. Erinnern Sie sich? Einmal fragte ich, in welcher Richtung mein Dorf liege, und Sie grölten, lachten und tauchten die Zehen ins Wasser. Früher wollte ich nach Hause zurück, jetzt, jetzt bin ich ja mit Ihnen Zuhause. Und Ihr Lachen, Ihr Lachen, wie aus der schwärzesten Höhle heraus. Im Schlaf hol ich den Morgen zurück, die Hand aus Haut und ihr Zögern. Ein Zerbrechen, vom Poltern erzählt, vom Poltern der Räder über die Straßen. Ich setze Fuß vor Fuß, dünne Sohlen, gar kein Verbrennen. Wie weit Sie weg sind, weiter als je. Wie viele Fenster um mich sind, wie viele Häuser, und jedes jedes für Sie, für Ihr verborgenes Gesicht, Ihre Scham. Ich werde immer ein Gaukler sein, einer, der plötzlich die Tür öffnet und schon auf dem Balken schwebt, eine, die zeigt, was man ihr vormacht oder so tut als ob, eine, die danach kommt, die zu spät kommt, und immer zur rechten Zeit, die keiner braucht, weil es auch sonst an allem fehlt. Mir macht das nichts, mir gibt das Kraft! Ich hab die Hände vom Gesicht genommen, auch so nur ein Ausschnitt, ein Schnitt, auch ohne die Finger zu breiten über Augen und Wangen. Da hast du das Kinn gehoben, zu mir geschaut, mich angeschaut, als ich dir den Rücken drehte und das Lied summte, drei vier Töne, wie später, wie später vorm Wasser allein. Da sollte nichts mehr sein um mich als das. Nie wieder tritt auf der Löwe mit dem Vogel, nie wieder der Name getrommelt, nie wieder der Name von Schlägen begleitet. Ich gehe weiter und weiter, immer die Dorfstraßen zur Mittagszeit, bis ich angekommen sein werde, da gestanden sein, wirklich, mit Füßen, die tanzen auf dem Seil, gezeichnet, nicht verbrannt. Das geht, Sie werden sehn, das geht über den Platz von oben, das klettert den Turm hinauf auf dem Seil, das spannt das Seil vom Turm zum Fenster, ein Weg, keine Kluft, eine Kluft, kein Stürzen, kein Stranden, draußen. Das bewegt das Glas auf dem Tisch, das wirft den Schatten sogar zur Mittagszeit, Schritt für Schritt aufsehen, blicken, nichts daraus schließen. Noch leiser bin ich gekommen, noch leiser gegangen. Noch länger schlafen Sie und sehen, den Kopf zur Wand gewendet, alles, fast. Zwei Gaukler, ohne Kette, ohne Trommel. Wir werden tanzen lernen, singen, zwei Teller Suppe essen, und den nicht fürchten, der höher steigt. Quer durch den Staub fahren, Gebärden und Geschmeidigkeit, hinknien wie damals, kurz vor dem Aufbruch, Kieselstein du, ausgebleichter Rockzipfel, fang das Wasser aus dem Auge auf. Ich werde angekommen sein, später, gleich, um mein Leben summen, vor dem Fall. Da stand eine, die sprach nicht mehr, mit niemandem. Das stimmt nicht, ich steige und steige, halte allen Vorhängen, allen verborgenen Gesichtern stand. Das Seil zum Fenster hingeworfen, binden Sie den Knoten fest, lassen mich gehen, weit über den Platz hinaus, ankommen und ganz leise da gestanden sein, ein Verklingen von Löwengebrüll? Drei vier Töne vom Wasser herauf, das Knistern von Feuer.